Zeigt her eure Schuh‘

Geschrieben von Karnstein am 26. August 2011 in Szene |

Schuhe haben oftmals erst so richtig Charme, wenn sie deutliche Gebrauchsspuren haben die zeigen was sie (und mit ihnen ihre Besitzer) schon erlebt und durchgemacht haben. So das Fazit von Robert von Spontis.de in seinem Artikel über die Unsitte von Doc Martens die man jetzt quasi im Used-Look kaufen und so persönliche Erinnerung auf einen Modegag reduzieren.
Ich könnte ihm kaum mehr zustimmen.

Daher möchte ich mit diesem Artikel einen Aufruf starten:

Photographiert eure guten Stücke die euch schon lange begleiten, zeigt sie uns und erzählt uns ihre Geschichte(n). Teilt den Gedanken mit euren Lesern und lasst uns gemeinsam in Nostalgie schwelgen :)

Ich selbst habe nie wirkliche Doc Martens besessen.
Lediglich in meiner Punk-Zeit Mitte der 90er besaß ich einige Imitate (schwarze, blaue und sogar gelbe – und manchmal trug ich sogar einen blauen und einen gelben), die aber auch entsprechend billig waren und nicht lange hielten. Die schwarzen hatten noch die beste Qualität, und ich habe sie immer wieder geflickt bis wirklich nichts mehr ging. Ich erinnere mich an das kälteste Silvester meiner Jugend, -20°C, und ich lief draußen herum mit Docs-Imitaten deren Sohle in der vorderen Hälfte nur noch durch Tackernadeln am Leder hielten, die mir beiweilen ins Fleisch drangen, und die ohnehin eigentlich jedes Lüftchen durchgelassen haben… Mann, war ich mal hart im Nehmen ^^

Die oben links gezeigten Stahlkappenstiefel sind Undercovers von 2005, noch immer meine ersten dieser Art, die mich seitdem auch auf quasi jedes Konzert begleitet haben, die mit in Österreich und Irland waren, auf ersten Dates und auf Beerdigungen, und die mir nach meinem Autounfall vom Leib geschnitten wurden (zum Glück nur durch die Schnürsenkel).
Wenn ich mir anschaue wie anderer Leute Stiefel schon nach zwei oder drei Jahren aussehen bin ich eigentlich wirklich erstaunt wie gut erhalten meine noch sind. Der Stahl schaut noch immer nirgends blank heraus (wenn man ihn auch von innen fühlt) und auch die Sohle hat sich nirgends auch nur ansatzweise gelöst.
Wie man rechts sieht ist aber das Leder natürlich schon gut mitgenommen, und das soll es auch ruhig sein – erst so haben sie Charakter. Nur die Sohlen – die sind mitlerweile quasi jenseits von Gut und Böse… Zeichnet sich diese Art Stiefel doch normalerweise durch eine dicke, robuste und verschraubte Sohle mit massivem Profil aus, so sind sie bei mir mitlerweile größtenteils völlig blank gelaufen – im direkten Vergleich ist die Sohle stellenweise nicht mal halb so dick wie bei neuen Stiefeln und die Schrauben haben teilweise ihre Köpfe schon komplett eingebüßt, sind nur noch durch den kleinen blanken Querschnitt durch ihren Stift zu erahnen.

Noch nicht ganz so lange begleiten mich meine Pikes – recht genau seit zweieinhalb Jahren erst.
Aber Pikes sind natürlich nochmal ein ganz anderes Thema und sind nie auch nur ansatzweise so robust gefertigt oder für vergleichbare Belastung ausgelegt. Aber auch sie gefallen mir mit einigen Gebrauchsspuren noch besser als sie in brandneuem Zustand aussahen.

Das Leder in der Zehenbeuge (gibt’s das Wort?) hat recht schnell kleine Falten erhalten und die Schnallen haben auch schon ein bisschen was aushalten müssen. Sie haben aber noch nicht ansatzweise so viel von der Welt gesehen, dafür pflege ich sie zu gut, trage sie nicht im Winter und bin in den letzten Jahren auch einfach viel ruhiger gewesen was reisen, Konzerte, etc. angeht. Nur auf meinem ersten und einzigen WGT 2009 waren sie mit dabei.

Und doch haben sie in recht kurzer Zeit Gebrauchsspuren aufgezeigt – zunächst aber nicht die typische an der Spitze, sondern (durch meinen etwas eigenartigen Gang bewirkt) an der Außenseite der Ferse. Dort habe ich die Hacken so schnell und so massiv durchgelaufen, dass ich ohne es zu merken einige Zeit lang schon mit dem Leder den Boden berührte, was einige eher unschöne Abriebspuren mit sich gebracht hat.

Neue Absätze aus robusterem Gummi und mit leichtem Profil anzubringen war aber für den Schuster ein Klacks und hat mich keine 10€ gekostet, ist also nicht so dramatisch. Und schließlich hat es dann erwartungsgemäß die Spitzen auch irgendwann erwischt. Die Sohle wird dünner, das Leder leicht angegriffen und es bildet sich alles in allem ein glatter abgerundeter Übergang quer durch beide Materialien.
Find ich aber auch nicht schlimm, gehört dazu.

Natürlich habe ich noch andere Schuhe, die ich teils auch recht häufig trage. Ein paar Stoffschuhe für den Sommer, ein paar 60er-Retro-Stiefeletten für den Winter, kniehohe Pikes für besonderere Anlässe, aber denen fehlt dieses gewisse Etwas, vielleicht haben sie mich aber auch einfach noch nicht lang und intensiv genug begleitet ^^

So… Ihr seid dran! :)

15 Kommentare

  • stoffel sagt:

    Welch wundervolle Idee und ebenso ein toller Beitrag von Dir :) Irgendwie gehören die eingelaufenen Schuhe fast schon „zur Familie“ und es fällt verdammt schwer sich von den treuen Begleitern zu trennen (zumindest geht es mir so).
    Ich werde ich mir gleich mal die Kamera schnappen und auf Schuhjagd gehen 😉

  • Robert sagt:

    Da bin ich auf jeden Fall dabei! Eine wirklich gute Idee, ich weiß nur noch nicht, für welche Paare ich mich entscheiden soll. „durch meinen etwas eigenartigen Gang bewirkt“ Obwohl ich diese Steilvorlage normalerweise für mich nutzen würde, entscheide ich mich lieber dazu, den Fotoapparat zu suchen und die guten Stücke abzulichten. Nur für Dich und deinen Aufruf!

  • stoffel sagt:

    Fertig: http://www.mahltied.com/zeigt-her-eure-schuh … Danke Dir nochmal für die tolle Idee!

    @Robert … wie wäre es mit einer Top 5 Deiner liebsten Treter? ;-P

  • Karnstein sagt:

    @Robert: Ja, ich habe leichte O-Beine… das ist alles… kein „Watscheln“ oder sowas 😉
    Ich bin jedenfalls gespannt 😉
    @Stoffel: Fantastisch, es kommt ins Rollen… :)

  • Hab’s im Spontis-Blog versprochen, halte es hier ein: Zeigt her Eure Schuh‘. Das hat Spaß gemacht, dankeschön! :)

  • Madame Mel sagt:

    Tolle Idee, ABER…
    … meine 15 Jahre alten (!) durchgelatschten und superbequemen Schnürstiefel á la Marry Poppins habe ich vor ein paar Wochen in die ewigen Jagdgründe geschickt *schnüff*. Somit kommt deine Idee für mich zu spät (oder wie man´s nimmt für andere Schuhe zu früh) 😉 Auf die Idee, sie zu fotografieren, bin ich leider nicht gekommen *grummel*. Die Stiefel waren somit die Einzigen, die für „Zeigt her eure Schuh“ in Frage gekommen wären, denn ich bin eigentlich kein „Schuhdurchlatschtyp“ sondern eher der „Neuschuhträger“ oder zumindest ein „Schusterrenner“. Aber von diesen Stiefel habe ich mich echt schweren Herzens getrennt, zum einen, da ich sie in London in einem klitzekleinen Schuhmacherladen entdeckt und dafür einen Haufen Pfund auf den Tresen gelegt hatte (da Handmade!!!) und zum anderen, da sie mich so lange als 7-Meilenstiefeln bei Wind und Wetter durch die Welt getragen haben. Die waren schon so oft geflickt worden, dass sie zum Schluss in einem jämmerlichen Zustand waren, die Zungen waren gerissen und mit schwarzen Tape geklebt, das Leder war total bröselig und eingerissen, die Schuhsohle löste sich ab und hatte kleine Löcher und war damit alles andere als Regenfest. Einen richtigen Ersatz habe ich bis jetzt noch nicht für die Stiefel gefunden, obwohl mein Schuhfundus ca. 80 Paare aufweist. Naja – Frauen und ihre Schuhe halt 😉

  • Karnstein sagt:

    Ohje, das klingt echt genial, Mel, zu schade dass die Idee nicht früher kam… :-/
    @Altgruftipunk – Oh, grandios, da muss ich doch direkt mal reinschauen :)

  • Die Fortsetzung ist online: Zeigt her Eure Schuh‘ – Teil 2

    @Karnstein Da hast Du wohl einen Nerv getroffen, im Verein mit Robert. Ich hoffe, meine Stiefelknipserei artet nicht zur Zwangshandlung aus. 😮 😉

    @Madame Mel Mäh, schade …

  • shan_dark sagt:

    Mir geht es ähnlich wie Madame Mel. Meine schwarzen und blauen (! heute ist das meine Hassfarbe!) Kult-Docs von früher habe ich längst entsorgt. Heute trage ich Undergrounds, die ich gefühlt auch schon ewig habe, aber die sehen nicht schlimm genug aus 😉 auch wenn sie mich über viele Festivals und Tanzböden getragen haben. Und Pikes hab ich erst seit 2 Jahren für mich entdeckt. Daher…
    Aber ich finde es echt eine coole Artikel-Idee von Dir und hoffe, es machen noch paar Leutz mit. Altgruftipunk hat jedenfalls ordentlich was zu bieten – sogar mit Deko-Charakter – und die Ansichten von Stoffel sind auch interessant.

  • @shan_dark
    Dankeschön. Mein Rezept für Schuhe mit Charakter: Öfter mal herumstiefeln, nicht zu doll aufräumen und ansonsten die Jahre ins Land ziehen lassen … 😉

    @Karnstein
    Hast Du eigentlich auch diese kleinen Eisen auf den Absätzen der Pikes, gibt es die noch? War ein Tipp vom Schuster damals. Meine Pikes-Absätze sind quasi dahingeschmolzen auf dem bösen schmirgeligen Asphalt, mit Eisen hielten sie ein wenig länger. Und sie haben schön geklappert: Tock-tock, da kommt ein Grufti. 😉
    Allerdings ist diese Bewehrung irgendwann abgefallen, unter Hinterlassung der Nägel.

  • Karnstein sagt:

    Nee, von sowas hab ich bisher leider nur gehört…
    Sowas gäbe es aber auch für die Spitzen, wurde mir gesagt? Da hatte ich aber immer die Befürchtung dass das ein bisschen zu sehr nach Wild West aussieht… 😉

  • Madame Mel sagt:

    @Altgruftiepunk
    Meine Pikes habe ich noch vor dem ersten Schritt mit dem Eisen bestücken lassen, da ich sonst die Absätze nach innen hin ablatsche (deshalb sind auch einige andere meiner Schuhe/Stiefel benagelt). Klar, irgendwann muss man die Eisen ersetzen lassen, aber die Absätze halten doch ziemlich lange. Das Klappern gehört dazu, so kann man den Träger weit hören und ggf. vor ihm davonlaufen, harhar 😉 Weiß nicht mehr, wie ich es geschafft habe, aber durch die beiden neuen Eisen bin ich mal bös´nach hinten ausgerutscht *autsch*. Da war nix mehr mit „Tock-tock“ sondern eher „Wusch!-das war ein Grufti“ 😉

    @Karnstein
    Güldene Spitzen hätten doch einen gewissen Steampunk-Chic 😉

  • Karnstein sagt:

    *lach* Verschone mich mit Steampunk… aber in Silber würde ich mich schon drauf einlassen, je nachdem wie’s ansonsten geformt ist. Also wenn jemand doch eine Bezugsquelle kennt (egal ob für die Spitze oder den Absatz): Immer her damit! 😉

  • @Karnstein
    Wildwest, hehe … Für die Spitzen kenne ich nur Isoband. *räusper* (Mein Punkelement) Trage aber seit Jahren keine Pikes mehr, bin von daher nicht up to date.

    @Madame Mel
    Sie kennt die Eisen! :)
    Das mit dem Ausrutschen kommt mir mächtig bekannt vor – glaube, arg buckliges Kopfsteinpflaster war schon mal gefährlich. Oder gar zu schmale Treppenstufen, die bin ich seitwärts rauf. 😀
    Einmal hatte eines der Eisen eine Scharte, mit der bin ich an so manchem Teppich hängengeblieben. Tapp – ratsch – tapp – [Schrei des Teppichbesitzers]

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