„Wer sich so kleidet muss mit Blicken rechnen“

Geschrieben von Karnstein am 15. Juni 2010 in Erfahrungen, Szene |
Der Stein des Anstoßes ^^

Der Stein des Anstoßes ^^

Das ist nicht nur mein Motto, sondern auch einfach eine Tatsache, die man als Angehöriger einer Subkultur verinnerlicht haben sollte um den Alltag zu bewältigen.

Komisch aber, wie lange das manchmal keine Rolle spielt (weil man sich an kommentarlose Blicke aus dem Augenwinkel längst gewöhnt hat) und wie präsent es dann doch plötzlich mit einem Schlag wieder sein kann. „Ach, gehst du so aufgebrezelt auch in die Uni?“ fragte mich heute morgen ein Bekannter am Bahnhof, der mich nur vom Ausgehen kennt. Ich trug Pluderhosen, Pikes und eine Zirkusdirektor-artige Uniform-Jacke, fühlte mich damit sehr wohl und (dank minimalistischer Schminke) kaum aufgebrezelt. Er kennt mich so, ließ es also dabei bewenden.

Völlig überrascht war jedoch eine ältere Dame, die ich dann auf dem Heimweg an der U-Bahn traf. Sympatisch lächelnd trat sie auf mich zu und fragte mich (widerum zu meiner Überraschung), ob sie mich mal genauer betrachten dürfe, denn „wer sich so auffällig kleidet, der muss ja mit neugierigen Blicken sicherlich umgehen können.“ Lachend stimmte ich ihr voll und ganz zu und stand ihr in den folgenden Minuten in Richtung Frankfurter Innenstadt gern Rede und Antwort.

Dass ich zunächst einmal nichts ausdrücken oder darstellen möchte überraschte sie wieder etwas, aber von Gruftis hatte sie in den 80ern schon gehört und auch Gothic war ihr ein Begriff, den sie jetzt endlich konkreter zuordnen konnte. Meine Kleidung (besonders die Jacke) fand sie chique, die von mir erwähnte Selbstmach-Mentalität löblich, und dass Gothic-Motive wie auch -Szene aus England stammen nachvollziehbar („mit all den dunklen Schlössern und Burgen“).
Ein Einzelkämpfer sei ich keinesfalls, verneinte ich ihre nächste Frage, wir seien zahlenmäßig sogar wohl die größte Subkultur bzw. Szene.

Doch jetzt war erneut ich der Überraschte, denn an dieser Stelle kam nicht wie sonst immer die Frage nach Szene-Musik, sondern ein einfaches „Und was machen Sie dann so? Treffen Sie sich und veranstalten etwas ihren Interessen entsprechendes?“ Mich selbst stört die alleinige Reduzierung auf und Identifizierung durch Musik ohnehin, also erzählte ich ihr von Picknick-Treffen und Gedicht-Lesungen, von Romantik und Interesse and grenzwertiger, düsterer Kunst, was sie alles ausgesprochen faszinierend fand.

Satz mit X

Satz mit X

Keine Musik, kein Satanismus, kein Geltungsbedürftnis oder Darstellungsdrang – die ältliche Dame (die in der Innenstadt freundlich dankend ebenso schnell wieder weg war wie sie plötzlich vor mir gestanden hatte) interessierte sich nur dafür, was man als ungewöhnlich auftretender Mensch so denkt und fühlt, was einen interessiert und woher man so chique, ungewöhnliche Kleidung bekommt.
Faszinierend, wie ich finde, und was bleibt ist das Gefühl in diesen kurzen Minuten in der U-Bahn mehr zu Verständnis und Akzeptanz des schwarzen Lebensgefühls beigetragen zu haben als durch die ganze vermaledeite und peinliche Pro7-Reportage vor einem Jahr.

11 Kommentare

  • Solche Situationen kenne ich aber auch – einmal die Sache daß man sein eigenes Äusseres so selbstverständlich als normal ansieht daß eventuelle komische Blicke automatisch ausgefiltert werden. In der Hinsicht ist meine Mutter herrlich, die passt zu gerne den Augenblick ab wenn sich die Leut hinter meinem Rücken dann umdrehen, um sich selbst umzublicken und den Herrschaften dann freundlichst zuzugrinsen *g* – wirklich wahrgenommen hab ich das aber nie bis sies mir mal erzählt hat. Gegenbeispiel mein Vater, der das mit dem schwarz rumlaufen auch nach den Jahren jetzt nie so ganz kapiert hat, und sich nach einer Einkaufstour bei meiner Mutter ausgelassen hat daß mich ja alle angestarrt hätten, da dachte ich mir auch, wer verdammt nochmal *hat* mich denn angestarrt? Mir fiel höchstens einer ein.

    Und dann die Momente wo man angesprochen wird und einem erst bewusst wird daß man tatsächlich irgendwie anders rumrennt, ich hab da aber auch fast nur positive Begegnungen gehabt, so hat mich mal eine Dame bei uns im Karstadt angeredet, da ich Stammgast in der Stoffabteilung bin und sie, die auf der Etage auch arbeitet, mich eben des Öfteren gesehen hat. War ein sehr angenehmes Gespräch das sich zwar auch um meine Klamotten drehte aber eben nicht nur, grade meine Hintergründe und was mich dazu bewegt eben so rumzurennen hatten sie doch recht interessiert. Eben wie ein Mensch denn so ist, der sich konsequent schwarz anzieht und auch mit weiteren Merkmalen unweigerlich anders aussieht als der Rest.
    Ist bei mir auch kein Einzelfall, sowas hab ich jetzt auch schon ein paarmal erlebt, und ich finde das immer wieder echt toll.
    In dem Zusammenhang sind die Leipziger auch klasse, gab einige WGTs wo ich auch drauf angesprochen wurde, was hinter den schwarzen Klamotten denn noch sei.

    Interessant vonwegen Selbstwahrnehmung etc war dann die Frage der oben genannten Dame, ob man nicht ziemlich viel Mut haben müsse, sich so zu kleiden, da starren einen doch alle an. Ich habs auch damit beantwortet daß es für mich eben normal ist so rumzulaufen und da eben das Bewusstsein „Ich fall voll auf!“ irgendwie nicht ganz so vorhanden ist wie bei jemanden der sich mal was für ihn untypisches und auffälliges anzieht.
    Letztens musste ich auch ein wenig über mich grinsen, als ich mich mitten in einem Haufen nach zeitgenössischer Mode gekleideter Mädls wiederfand und mich bei dem Gedanken ertappte daß die alle voll komisch angezogen sind *g*

    Unterm Strich hab ich aber erlebt daß grade ältere Leute da oft viel offener und interessierter sind, junges Gemüse neigt da häufiger zu den allseits bekannten Reaktionen.

  • Karnstein sagt:

    Bei mir war das leider die löbliche Ausnahme bisher.
    Aber besonders in deinem letzten Punkt kann ich dir voll zustimmen. Als ich in der Altenpflege gearbeitet habe war eine alte Dame einmal ganz schockiert als sie dachte, ich hätte mir die langen Haare abgeschnitten (hatte den Pferdeschwanz noch unterm Pullover), wobei ich mir vor 15 Jahren von Gleichaltrigen noch blöde Sprüche wegen meiner langen Haare anhören durfte.
    Auch erinnere ich mich gerade an die andere Situation mit einer älteren Dame in der U-Bahn die mich fragte, welchen Kajal ich denn benutze, mit ihrem bekäme sie XYZ nicht so gut hin.

    Besonders toll am jungen Gemüse finde ich die Abhängigkeit vom Zeitgeist: In meiner Punkphase vor 13-14 Jahren trug ich häufig einen Nietengürtel auf Hüfte, worüber sich die Hipps (so nannten wir sie) immer lustig machten, wer weiß wie sie darauf reagiert hätten, wenn ich wirklich einen Iro getragen hätte, wie ich es da immer wollte.
    Und die Ed-Hardy-Fraktion heute? Nietengürtel auf Hüfte und Iro, und dazu am besten noch Unheilig (dröhnte mir von solchem Klientel kürzlich wirklich per Handy-Boxen entgegen).

  • Ich hab allgemein so das Gefühl, daß Männer eher schief angesehen werden denn Frauen, seltsam das, aber in erster Linie kenne ich gehäuft eher negative Erfahrungen von Kerlen.

    Vonwegen ältere Leute – mich hat beispielsweise auch mal ne Dame im Bus angesprochen wegen meiner lila Strähnen, weil sie fand daß die meisten Mädels ja immer nur rot färben und daß das schrecklich langweilig sei, warum denn niemand mal blau oder so nimmt. Die war da auch total begeistert *g*
    Und meine letzte Wohnung war im Haus eines älteren Ehepaares, die fanden das auch immer toll wenn ich wieder ein Kleid fertig hatte und mich im Garten damit hab knipsen lassen.
    Auch als ich mal in voller Takellage mit einer Photographin in dem Ort unterwegs war fanden es gerade die Älteren richtig toll, eher jüngere Semester haben da wieder skeptisch geschaut.

    Das mit der Mode finde ich auch immer wieder amüsant, man muss den leuten blos sagen daß es grade voll in und angesagt ist, und schon trauen die sich und findens selber total klasse. Ich hatte mit 14-15 so nen Tick auf Röhrlhosen und Stiefel drüber, haben mich alle total seltsam angeschaut – bis es Mode wurde … Menschen sind schon arg komisch *gg*

    BTW schneide ich gerade meinen ersten Pluderhosen-Test zu. Bin schon gespannt aufs fertige Ergebnis.

  • Robert sagt:

    Gleich vorweg: Nettes Outfit! Ich möchte nicht unerwähnt lassen, das ich solche Menschen, die sich intensiver mit dem „dahinter“ beschäftigen wollen, besonders schätze. Die meisten interessieren sich eben nur für die äußere Hülle und verbinden damit die wildesten Phantasien. Gelegentlich treffe ich sogar Leute, die „Gothic“ sein provokativ in Frage stellen ohne jedoch polemisch zu werden. Ich kann euch sagen, da gab es schon andauernde Diskussion über das „Warum?“ . Die meisten meiner Mitmenschen reagieren eigentlich nicht auf mein äußeres, bis auf ein paar musternde Blicke oder Kopfschütteln bleibt da nicht viel. Ganz ehrlich gesagt ist es mir auch ganz recht so.
    Ich habe jedoch den Eindruck gewonnen, das allen Menschen Fragen haben. Wenn ich Leute näher kennenlerne oder Kontakte knüpfe und das Vertrauen wächst, ist es fast immer so, das man nachfragt was ich darstellen möchte und warum man so rumläuft.
    Und die Ed-Hardy-Fraktion heute? Nietengürtel auf Hüfte und Iro, und dazu am besten noch Unheilig (dröhnte mir von solchem Klientel kürzlich wirklich per Handy-Boxen entgegen).“ Die sind geil! Die habe ich auch ganz besonders lieb. Kommen sich meist schwer angesagt vor und nutzen die offene Gruppenzugehörigkeit ihren jugendlichen Männlichkeitswahn auszuleben. „Eh Alter wie läufst du denn rum?“ muss ich mir anhören. Ich gehe dann lächelnd weiter und denke mir: „Hast du schon mal in den Spiegel geguckt?“

    Übrigens finde ich die Pro7 Aktion gar nicht so schlimm wie du. Ich habe schon vieles aus dieser Richtung gesehen und kann mir (denke ich) ein Urteil erlauben. Es ist jedenfalls nichts wofür du dich schämen solltest. Im Vergleich zu manch anderem (Frauentausch) kommst ja sehr glimpflich davon. Und in 10 Jahre sitzen wir bei einem Glas Wein zusammen, hören alte Psyche Stücke und lachen darüber 😉

  • Orphi sagt:

    Das mit der älteren Dame ist ein wirklich schönes Erlebnis. Ich habe festgestellt, dass ich oft diejenige bin, die sich bei entsprechenden Fragen nach der Kleidung zurückzieht und ausweicht.

    Meine neue Nachbarin fragte mich kürzlich, warum ich eigentlich immer schwarze Kleidung trage. Ich habe ausweichend geantwortet, dass ich nur schwarze Klamotten besitze. Das sei doch praktisch. Es würde immer alles zusammen passen und schwarz macht schlank. Damit war das Thema durch.

    Die gleiche Verhaltensweise lege ich wohl auch beim Thema „Vegetarier“ an den Tag. Ich esse seit 25 Jahren kein Fleisch mehr. Anfänglich habe ich engagiert auf die Massentierhaltung und auf Zusammenhänge hingewiesen. Mit den Jahrzehnten und vielen fruchtlosen Diskussionen habe ich mich auf „Schmeckt mir eben nicht!“ beschränkt. Thema auch durch.

    Nachdem ich deine Schilderung gelesen habe, frage ich mich, warum ich da so eine Mauer gezogen habe und wann das passiert ist.

    Auch wenn es dir offensichtlich ein wenig unangenehm ist. Kann man die Pro7-Reportage irgendwo sehen? Bei Youtube vielleicht?

  • Karnstein sagt:

    @Robert:
    Auf das Angebot komme ich zurück 😉

    @Orphi:
    Die geistert irgendwo in den Untiefen der Pro7-Webseite herum, aber wie es aussieht kam das gleiche auch letzte Woche nochmal, aber dazu mehr im kommenden Beitrag 😉

  • Orphi sagt:

    Okay, ich habe den Beitrag gefunden und angeschaut. Ich kann Robert nur zustimmen. Nichts, wofür man sich schämen muss. Ihr wirkt beide lediglich ein wenig überrumpelt…so mein Eindruck. Aber keineswegs unbedacht oder irgendwie peinlich. Ich hab da ebenfalls schon ganz andere Fernsehbeiträge gesehen…

  • Schatten sagt:

    Der Blick auf dem Taff Bild is ja schon irgendwie lustig 😉

    Das mit den alten Leuten kenn ich, ist mir erst letztens am Beispiel meiner Oma aufgefallen, als ich zum ersten mal geschminkt aus der Schule heim kam.
    Zuerst hat sie mich da wegen den üblichen Klischees gefragt ob das so zum Satanskult gehört und so. Hab sie dann darüber aufgeklärt was da wirklich dahintersteckt und letztendlich is dann ein Gespräch daraus entstanden warum ich ein Grufti bin und sie nicht, obwohl sie doch auch sehr gern Friedhöfe besucht. 😀
    War doch ganz amüsant :)
    Ich denke mal alte Leute sind da wirklich offener, aber keine Ahnung woran das liegt.
    Vielleicht ja, weil die mehr vom Leben gesehn haben?

  • Karnstein sagt:

    Na gut, na gut, ich bin beruhigt – Danke, Orphi ^^
    Interessant, Schatten, dass auch deine Erfahrungen mit alten Menschen da ähnlich sind. Irgendwie wird wohl was dran sein… Vielleicht haben sie schon zu viel kommen und gehen sehen, als dass sie sich noch mit soetwas lange aufhalten würden? Kann man sicherlich nicht pauschalisieren, aber so tendenziell vielleicht? Ich finde den Gedanken jedenfalls beruhigend, dass ggf. mit zunehmendem Alter die Akzeptanz steigen mag – und wenn auch nur aus Resignation :)

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