Industrial – Ja was denn nun?

Geschrieben von Karnstein am 26. März 2010 in Kunst, Polemisches, Szene |

Throbbing Gristle, 1981

Industrial – Neben Gothic ist das vermutlich der strapazierteste Begriff in der schwarzalternativen Szene. Wenn man sich in den letzten Jahren umgeschaut und das Musikangebot von Diskos und Veranstaltern beobachtet hat, dann hat man das Gefühl als handle es sich dabei weniger um einen eigenständigen Musikstil, sondern viel mehr um ein reichlich schwammiges und bedeutungsloses Anhängsel, dass einfach immer Erwähnung finden muss, wenn ein (vemeintlich) elektronischer Musikstil zur Sprache kommt.
Electro/Industrial heißt es da mindestens mal – eher noch Electro/EBM/Industrial oder gar Electro/EBM/Darkwave/Industrial und andere Bandwurmkonstruktionen.

Etwas unübersichtlich? Dann hilft vielleicht eine kleine Suchaktion auf YouTube, ist ja immer eine tolle Quelle um sich mit musikalische Eindrücken weiterzubilden.
Und in der Tat, wenn man dort nach „Industrial“ sucht, dann scheint sich der Begriff wieder zu konkretisieren. Doch welch Überraschung: Um einen Musikstil scheint es sich plötzlich nur noch zweitrangig zu handeln – ein Tanzstil ist es doch offenbar vor allem. Zu sehen sind natürlich primär die berühmt-berüchtigten Cyber und auch ein paar Leute, die man vielleicht in die Blackmetal-Ecke gesteckt hätte, und was sie da so treiben scheint mir als Voll-Laien irgendwo zwischen Veitstanz und Loveparade angesiedelt zu sein. Aber ich will nicht lästern, es scheint alles sehr ausgeklügelt und anstrengend, könnte ich selbst sicherlich nicht. Nur was das mit Industrial zu tun haben soll verstehe ich nicht so ganz, denn die musikalische Untermalung dazu rangiert irgendwo zwischen Agonoize, Combichrist und Xotox, ist also das was ich gerne Prollectro nenne (Fans des Genres mögen Aggrotech, Hellectro oder irgendein anderes euphemistisches Kunstwort vorziehen).

Agonoize - Moderner Industrial?!

Verwirrend? Sicherlich, aber wer sich mal die Mühe macht ein klein wenig zu recherchieren wird recht bald sehen, wie wenig der undurchsichtige Sumpf von heute mit Industrial zu tun hat.

Angefangen hat das Ganze wie so vieles in der alternativen Musikwelt in den 1970ern. Experimentell und avantgardistisch war man unterwegs und kreierte mit Geräuschkollagen einen akkustischen Klangteppich, der mit konventionellen Definitionen von Musik nicht immer wirklich etwas zu tun hatte. Provokation und Überschreitung von (geschmacklichen) Schmerzgrenzen standen im Mittelpunkt, man verstand sich oft weniger als Musiker als eher als Aktionskünstler und arbeitete daher ebenso z.B. mit drastischen Bild und Filmprojektionen wie mit Musik.
Tanzbarkeit war kein Kriterium sondern viel eher jede Art von Grenzwerterfahrung (das vermutlich wichtigste Schlagwort), oft ausgedrückt durch puren Lärm. Richard Kirk von Cabaret Voltaire z.B. schließt nicht aus, dass ihre Musik vor allem ein Ausdruck ihrer Lebensumstände war – aufgewachsen in der Nähe des grauen und von Kriegsruinen durchzogenen Industriegebietes Sheffield, Tag und Nacht begleitet vom Lärm der Fabrikhallen.

Da das Ganze sich parallel zum damals ebenfalls als extrem wahrgenommenen rockigen Neuland entwickelte, wurde teils beides unter dem reichlich negativ behafteten Begriff Punk zusammengefasst (den wir heute natürlich nur für den Stil der Rockmusik benutzen). Erst durch die Gründung des Plattenlables Industrial Records durch die Mitglieder der Genre-Vorreiter Throbbing Gristle entwickelte sich die Stilbezeichnung. Extreme Bands aus diesem Umfeld, wie etwa SPK oder Leather Nun, waren also insofern Industrial-Bands als dass sie ihre Werke bei Industrial veröffentlichten, die mit dem Slogan „Industrial Music for Industrial People“ warben.

Exemplarisch für diese Phase möchte ich hier eine Live-Aufnahme von Throbbing Gristle selbst präsentieren (Gerüchten zufolge schlossen sie übrigens die Türen ab, sobald das Publikum im Konzertraum war, aber wie man sieht sind die Leute auch so gefesselt genug, man beachte z.B. den Herrn in der letzten Minute):

Elektrische Tonerzeugung spielt natürlich eine wichtige Rolle, aber mit moderner, programmierter Elektronik-Musik hat das Ganze wenig zu tun. Tonbänder, Rückkopplungen, Störgeräusche, aber auch (meist dilettantisch und kaum auf traditionelle Weise gespielte) Gitarren und im weiteren Verlauf der 80er vor allem auch manuell produzierter Krach durch Prügeln auf Schrott, das sind die Hauptzutaten der Industrial-Mixtur.

In den 80ern tat sich dann natürlich viel: Neue Avantgarde-Elemente, Überschneidungen mit New Wave und Neofolk, sowie später auch mit Gothic oder Metal, sodass schnell von Post-Industrial die Rede ist (die Grenzen sind jedoch natürlich fließend und vermutlich bei jedem Kritiker anders gesetzt).

Wichtige Vertreter wären hier z.B. der New-Wave-Musiker Frank Tovey alias Fad Gadget, der beispielsweise sein Lied „Ricky’s Hand“ mit rhythmischem Schlagbohrer-Einsatz untermalte oder im unten präsentierten Song „Collapsing New People“ vor allem mit Schrott arbeitet, dabei aber auch ganz klassisch z.B. einen Kontrabass einsetzt. Unterstützt wurde er bei diesem Lied (nicht im Video) von der Berliner Band Einstürzende Neubauten, die ich hier mit ihrem 1989er Song „Haus der Lüge“ vorstellen möchte, der vor allem auf rezitationsartigem Gesang und Geräuschen von Schrott und Gitarren beruht, Elektronik dabei nur in der Rhythmik verwendet.
Letztlich sei noch die Gothic-Band Alien Sex Fiend angeführt, die sich etwa mit dem 1990er Song „Now I’m Feeling Zombified“ in sehr Industrial-nahe Gefilde begibt.

Neue Genres wie Industrial Rock, EBM, Dark Ambient oder Industrial Metal ließen dann natürlich nicht lange auf sich warten, fallen aber allesamt rhythmischer und mainstreamtauglicher aus und firmieren daher wohl zurecht nicht mehr unter dem Namen Industrial.
Der Einfluss klassischen Industrials ist bis heute natürlich nicht erloschen und innovativen Künstlern wie etwa der Geigerin Emily Autumn mit ihrem selbst als Violindustrial bezeichneten Stil gelingt es, mit Industrial-Elementen ganz eigene Wege zu gehen und auch deutlich härtere und psychedelischere Spielarten der elektronischen Musik gibt es weiterhin, doch wie innovativ und Industrial-nah das Ganze ist – daran scheiden sich letztlich wohl die Geister.

Echte Industrialbands existieren im wirklichen Underground sicherlich auch heute noch, doch wird man diese kaum in einschlägigen Tanzlokalen der so genannten schwarzen Szene finden, denn einfallslose, immer gleiche, kommerzielle Discomusik und ein eng definierter Tanzstil (also das Etablieren und Verkaufen von Normen) – das ist genau das was Industrial NICHT ist und niemals war.

Bildquellen:
p0ps auf flickr
p1r auf flickr

Schlagwörter: , , , , ,

9 Kommentare

  • Robert sagt:

    Stimmt völlig. Industrial ist auch so ein ein durch den Wolf gedrehter Begriff, der heute nicht mehr annähernd das beschreibt, was es einst war. Purer Industrial wird wohl auch nie Massenkompatibel sein, dafür verwischt er die Grenzen der Musik zu sehr. Auch ich kann den Werken der Einstürzenden Neubauten nicht viel abgewinnen, einige Stücke finde ich wirklich gut, aber von Leidenschaft kann man nicht sprechen. Es ist aber interessant wie viele Bands die Ideen des Industrial aufgreifen und für sich adaptieren. Depeche Mode beispielsweise ist prominentes Beispiel, die Stilelemente, die in People are People Verwendung finden sind deutliches Zeichen des Berliner Industrial-Einflusses. Hier hat man sehr geschickt etwas Massenkompatibles draus gezaubert.
    Ich finde die Werke, die in die EBM abdriften oder damit spielen sehr viel attraktiver, wie zum Beispiel DAF oder auch Front 242.

    (Fast) Alles was heute das Label „Industrial“ trägt hat doch eigentlich nichts mehr mit den Quellen zu tun. Es handelt sich heute nur noch um einen Begriff für ein Produkt für die von Dir genannten Musikrichtungen. Deine Querverweise zu Fad Gadget oder auch Alien Sex Fiend finde ich sehr gelungen, die Elemente des Industrial sind hier sehr deutlich zu finden und lassen schöne Rückschlüsse auf Verwandschaften zu :)

  • Dolmance sagt:

    Super was du da shreibst.
    Ich finde diesen neuen „?? Industrial ??„ zum kotzen. Ich war schon in sämtlichen Szene-Discos und dort läuft immer nur dieser Hellectro-Kram. Es wurde alles so verwurstet und ein Begriff geprägt der mit dem Orginal überhaupt nichts zu tun hat. Ich selbst bin Verfechter des alten Industrials und höre sachen wie Throbbing Gristle,Sleep Chamber, Die Form, SPK usw. Ich hoffe das diese Technofizierung bald aufhört und die Cyber und Hellectrofans bald dort zurückgehen wo sie herkamen.Am Ende bin ich vor allem traurig was aus dieser tollen Musikrichtung gemacht wurde. Es lebe der echte Industrial.

  • Ritschi sagt:

    Sehr schöner Bericht. Ich höre zwar selbst enorm viel Hellectro und Aggrotech allerdings, genau so klassischen Industrial wesshalb Kiddis die meinen sie würden Industrial hören nur noch nerven

  • Karnstein sagt:

    Recht so ^^ Freut mich im Prinzip noch ganz besonders, wenn Leute mir zustimmen, die an sich garnichts gegen die von mir abgelehnte Musik haben :)

  • unkraut sagt:

    hm… ich muss zugeben, ich mag zum Teil die Musik, die man den Cybers zuschreiben würde.

    Aber beim lesen der Beschreibung bzw beim Anhören des ersten youtube-Videos frag ich mich, wie man folgendes Lied einordnen würde:

    http://www.youtube.com/watch?v=HxuNDxcnyFE

    mal abgesehen davon dass es akustisch nichts mit den hier vorgestellten Sachen zu tun hat (und es wohl auch nicht wirklich manuell eingespielte Geräusche sind).
    Gut, es wird auch nicht das sein, worauf ein Durchschnittscyber seine Tanzschritte vorführen könnte.

    Ich grübel nur, ob nicht stellenweise doch eine gewisse Industrial-Nähe vorhanden sein könnte (wenn auch nicht grad bei Agonoize)

  • Karnstein sagt:

    Och, das würde ich schon Industrial nennen, nur halt modernerer. Hör dir mal Haus Arafna an, die sind auch recht aktuell und eigen, aber dennoch sehr industrial und sehr technofrei. Mir gefällt’s übrigens irgendwie :)
    Heutzutage würde man es wohl eher „Noise“ nennen, aber dieser blödsinnige Begriff ist in meinen Ohren ohnehin eher der Versucht wirklichen Industrial zu beschreiben, nachdem der Begriff so verwässert wurde. Ich erinnere mich da an ein Gespräch in einer Disko…
    – „Also richtigen Industrial mag ich schon – so schmerzhaft-schrägen alten Kram wie Throbbing Gristle.“
    – „Naja, Throbbing Gristle ist ja aber eher Noise als sonstwas“
    – „Ähm, du weißt aber schon, dass Throbbing Gristle den Begriff Industrial überhaupt erst erfunden haben für ihre Musik?“
    – „Hm, najaaa, hm,…also…“

  • Aleks sagt:

    „Prollectro“ – Für das Wort hast du nen Orden verdient.

  • Karnstein sagt:

    Ich halte es da zur Abwechslung mal mit Reich-Ranicki und nehme den Preis nicht an 😀
    In dem Bereich möchte ich nichtmal für effektives Diffamieren Aufmerksamkeit 😉

  • spark sagt:

    ich möchte noch eine band hinzufügen die mir in diesem bereich ganz besonders am herzen liegt.
    esplendor geometrico.
    es schiebt und zischt und schnaubt und rattert.
    eisenbahn, dampfmaschine, fabrikhalle und förderband ziehen einem am inneren auge vorbei.
    für mich wie kaum eine andere band- industrial.

Schreibe einen Kommentar

Copyright © 2017 Otranto-Archive Rechte vorbehalten.
Desk Mess Mirrored v1.4.1 Theme von BuyNowShop.com.

QR Code Business Card