Gothic nur für Gruftis?

Geschrieben von Karnstein am 10. Februar 2010 in Erfahrungen, Literatur, Polemisches, Szene |

Gestern war es endlich so weit – an der Uni habe ich den Vortrag gehalten, auf den ich schon das ganze Semester mit einer diffusen Mischung aus Vorfreude, Neugierde und Aufregung gewartet habe. Der Titel:
Wild Mood Swings – Gothic Music and Subculture
.

Ja, zu so feinen Themen darf ich Vorträge halten, und das dann auch noch mit dem Anspruch, sich in einem akademischen Rahmen zu bewegen – tolle Sache. Wir befinden uns in der englischen Literaturwissenschaft, und das Ganze findet statt im Rahmen eines gut besuchten Seminars mit dem klangvollen Namen „…and then the horror overcame me“ – The Gothic Tradition.

Das ganze Semester über haben wir uns also mit jener Schauer-Literatur auseinander gesetzt, die der Engländer seit Horace Walpole Gothic nennt – zunächst in der Romantik, dann in der Viktorianik, und letztlich dann im 20. Jahrhundert, wo Gothic den Sprung zu Film und Fernsehen geschafft hat. Alles sehr spannend, aber sind wir mal ehrlich: Wer denkt heute schon an 200 Jahre alte Romane, wenn er das Wort Gothic hört? Nein, der populärste (wenn auch nicht unbedingt der treueste) Vertreter ist und bleibt die schwarze Szene.
Und genau zu der wollte die Dozentin dann gerne auch einen Vortrag hören, zu dem ich mich natürlich schon zu Semesterbeginn freiwillig gemeldet habe (Wen es interessiert, der kann gern einen Blick auf meine Folien [PDF, 209kB] werfen, doch darum soll es hier eigentlich nur am Rande gehen.)

So weit – so gut, ich stehe also dort, und möchte versuchen, den Leuten die Szene ein wenig näher zu bringen. Und erstaunlicherweise ist das auch nötig, denn mit mir befinden sich nur knapp ein halbes Dutzend Personen in diesem Seminar, denen man eine schwarze Gesinnung unterstellen könnte (gut, bei manchen weiß ich es explizit), der Rest alles „Normalos“.

Aber woran liegt das bloß? Das habe ich mich gefragt, seit ich das erste mal in den Veranstaltungsraum kam, und das frage ich mich noch heute… Mir ist ja klar, dass von den meisten jüngeren sogenannten Gothics heute die wenigsten überhaupt ahnen, dass Gothic nicht von der und für die Szene erfunden wurde und sich nicht nur auf die Bereiche Musik und Kleidung beschränkt.
Aber dass im Umkehrschluss unter den Menschen, die sich wirklich für das ganze Spektrum an Gothic-Kunst interessieren kaum einer dabei ist, der sich in der Szene bewegt, das hätte ich nicht gedacht.

In einem anderen Seminar das selbe Bild: Das Thema sind Gothic- und Horror-Kurzgeschichten zwischen 1880 und 1930 – neben mir sitzen zwei schwärzere Gestalten und der Dozent trägt einen Bauhaus-Button am Revers (aber der ist natürlich auch schon über 30) und das war’s dann auch schon.

Sean Cronin liest vor

Sean Cronin liest vor

Kann das wirklich sein?
Warum treffe ich kaum Goths, mit literarischem/künstlerischem Interesse aber den umgekehrten Fall? Wer es kennt, der lebt es nicht – und wer es lebt, der kennt es eigentlich garnicht?
Kann ich mir garnicht vorstellen… und doch sagt mir meine Erfahrung leider etwas anderes. Bei Nachwuchsgrufti XYZ kann man doch oft schon froh sein, wenn sie mal den Namen Edgar Allan Poe gehört haben.

Wie ist da eure Erfahrung? Vorbei die Zeiten, in denen Gruftis einander Gedichte vorgelesen haben?
Wie ausgeprägt ist künstlerisches und literarisches Interesse beim Gruftvolk, dass ihr kennt? Und was halten unschwarze Bekannte von Düsterkram?
Geht es euch ähnlich, oder bin ich nur ein mürrischer alter Mann? :-)

Bildquellen:
‚Old Shoe Woman‘ auf flickr (bearbeitet)
YouTube

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