“Gothic” – Geschichte eines Wortes
Gruftis sind wie Oger sind wie Zwiebeln – wir haben Schichten. Und wer mich besser kennt, der weiß dass unter der offensichtlichen Gruftischicht auch ein historischer Sprach- und Literaturwissenschaftler sitzt.
Bisher habe ich in den Otranto-Archiven nicht die Möglichkeit gehabt diese beiden sehr prägenden Facetten meiner Person zusammenzubringen, doch an dieser Stelle möchte ich mal versuchen, den Begriff Gothic näher zu beleuchten.
Nicht im Sinne von “Hallo liebe Normalos, wir Grufts sind übrigens folgendermaßen” sondern rein sprachhistorisch und semantisch – was heißt Gothic eigentlich genau? Und woher kommt es?
Um das ausführlich zu beantworten muss man quasi bei Adam und Eva anfangen (und nicht erst bei Peter und Siouxsie – wenn dieser lahme Witz erlaubt ist):
Unter den germanischen Völkern (Ost-)Europas gab es in der späten Antike und dem frühesten Mittelalter eines, dass sich selbst gutþiuda nannte (þ = englisches th) – das heißt etwa “Gotenvolk” (þiuda als Begriff für das eigene Volk ist übrigens das gleiche Wort, was dem Begriff “deutsch” zu Grunde liegt), wobei man vermutet, dass gut einfach “Mensch” bedeutet.
Einen solchen “Goten” nannte man im Altenglische gota, das Adjektiv “gotisch” dürfte *gotisc gelautet haben (das Sternchen markiert ein nicht belegtes sondern nur rekonstruiertes Wort), doch irgendwann im Laufe des Mittelalters wurde das unhistorische th aus der vulgärlateinischen Form übernommen und die französische Adjektivendung -ique machte sich breit, sodass wir lautlich schonmal bei gothique/gothic angelangt sind.
Aber noch bezeichnet es das Volk der Goten…
In der frühen Neuzeit aber, als man in Europa das deutliche Gefühl hatte, sich in einer neuen Zeit zu bewegen, da blickten viele sehr geringschätzig auf die vorangegangenen Jahrhunderte zurück, die man jetzt das “Mittelalter” nannte (das finstere Tal zwischen zwei kulturellen Höhepunkten: der Antike und der Renaissance) – man erachtete die mittelalterlichen Menschen, ihre Lebensweise und Kunst als primitiv.
Und bald schon fing man an, die Namen alter germanischer Völker synonym mit “primitiv, grob, roh, altmodisch, heidnisch, etc.” zu benutzen – man konnte etwa als barbarisch beschimpft werden oder als Vandale. Seit den 1640ern ist englisches gothic auch ganz allgemein als “germanisch, teutonisch” belegt, doch spätestens seit den 1660er Jahren ist eindeutig zu sehen, dass man dies eben keineswegs freundlich meinte.
Übrigens hatte man auch etwa im Italienischen angefangen, die Kunst des hohen und späten Mittelalters gotico zu nennen – Die Epochenbezeichnung der “Gotik” war also geboren, bedeutet aber im Prinzip nur “Primitivität, Mittelalterlichkeit, Germanenhaftigkeit”.
Diese negativen Bedeutungsnuancen wohnten dem Adjektiv gothic in den folgenden Jahrhunderten inne, weshalb eine Übersetzung ins moderne Deutsche als “gotisch” je nach Kontext nur noch sehr ungenau ist (im Deutschen versteht man darunter heute eben nur den wertungsfreien Bezug zu den Goten oder der Gotik).
Erst im 18. Jahrhundert begann man in der Romantik die volkstümliche Vergangenheit nicht mehr als primitiv zu erachten, sondern im Gegenteil alles mittelalterliche und germanisch-mythologische zu verklären – hier war der Begriff gothic in England wieder präsent, denn “mittelalterlich, urwüchsig, heidnisch” war nun chique.
Und so war es spätestens 1764 der englische Politiker Horace Walpole der seinen im späten Mittelalter angelegten Schauerroman “The Castle of Otranto” als eine “gothic story” bezeichnete und damit nicht nur nichts Schlechtes im Sinn hatte, sondern auch ein Kunst-Genre prägte.
Die düstere Romantik nannte man nun per se Gothic und sie trug auch in so ziemlich allen anderen Kunstgattungen Blüten, verschwand seitdem eigentlich nie so richtig, sondern veränderte sich nur fortwährend und erlebte immer wieder Höhepunkte (wie etwa Ende des 19. Jahrhunderts in Literatur und Malerei, oder ein Stück weit wohl auch im deutschen expressionistischen Film der 1920er Jahre).
Im allgemeinen Sprachgebrauch bezeichnet gothic jedoch seither eben nicht mehr “mittelalterlich, primitiv” sondern vielmehr “düster, morbide, melancholisch”.
So wurde mir etwa von einem Australier erzählt, der eine schottische Altstadt mit ihren alten, kleinen, verwinkelten Häusern als gothic empfand (irgendwann in den letzten fünf Jahren – diese allemeinere Bedeutung ist also noch präsent).
Dies meinten dann auch Musikjournalisten in den 1960er Jahren, als sie die Musik der Doors als “gothic rock” bezeichneten – es ist einfach düstere, melancholische Rockmusik gemeint, nichts weiter. Und ebenso verhielt es sich Ende der 1970er/Anfang der 1980er mit der Musik von Bands wie Bauhaus, Siouxsie and the Banshees, Sex Gang Children oder Southern Death Cult. Dies wird z.B. auch deutlich in Martins Hennetts Beschreibung der Musik von Joy Division als “dancing music with gothic overtones” – hier ist kein Musikstil gemeint, sondern eine düstere Atmosphäre (wie man sie etwa in den Gothic Novels der schwarzen Romantik fand).
Später wurde der Gothic-Bezug in der entstandenen schwarzen Subkultur konkreter und absichtlicher (wenngleich auch frühe Werke etwa von The Cure oder Bauhaus auch im romantisch-literarischen Sinne als gothic gelten dürfen), doch viele der traditionellen Szeneanhänger lehnen einen solchen Bezug bis heute ab und versuchen mit dem erneut verkürzten Kunstbegriff Goth (seit mindestens 1986) ihre Szene vom Gothic abzugrenzen.
So zumindest in England, wo die oben herausgearbeiteten Bedeutungsnuancen eben deutlich präsenter sind als im deutschsprachigen Raum.
Gothic existiert derweil natürlich auch unabhängig von der Szene weiter – so kann man etwa ruhigen Gewissens die Filme Tim Burtons oder die Malerei Victoria Francés’ als gothic bezeichnen.
Bilderquelle:
Wikimedia Commons










Schön erklärt
Schlimm finde ich es immer wieder die Bezeichnung Gothics lesen zu müssen, da das so überhaupt nicht sinnvoll ist und auch dumm klingt.
Ist grammatisch aber überraschenderweise überhaupt nicht abwegig, geschweige denn falsch
Leute die “romantic” sind, und/oder entsprechende Kunst fabrizieren, bezeichnet man ja auch als romantics (neben romanticists) – ebenso können Leute die “gothic” leben auch gothics sein. Sprachlich gesehen ist das logischer als goths (weil es eben “Goten” bedeuten würde), sogar gothicists wäre im Prinzip sinnvoller (schwarzromantischen Einschlag bezeichnet man durchaus als gothicism).
Teils wurde auch in England Gruftis als gothics bezeichnet (zumindest von der BBC…).
Gothicists? Klingt gut
), da ich mich ja eher am Ursprung der Szene orientiere.
Ich selbst bevorzuge eher Grufti(e), Batcaver, Schwarzromantiker oder einfach nur Schwarzer. Nicht zuletzt wegen dem th, das falsch ausgesprochen den Begriff Gothic lächerlich klingen lässt. Aber auch um mich vom Großteil der restlichen Szene abzugrenzen (ja die gute alte Individualität
Gothicist….muss ich mir unbedingt merken
Lese gerade deinen Beitrag zum faszinierten zweiten mal um mir die Feinheiten deiner Forschungen auf der Zunge zergehen zu lassen, ein wirklich gelungener Artikel. “Goth” ist aber meiner Ansicht nach bereits vor 1986 präsent gewesen. Um 1980 wird es gewesen sein, als NME-Autor David Dorrell die Anhänger von Andi Sex Gang von den Sex Gang Children “Goths” nannte. Monica Richards von “Faith an the Muse” spricht in einem Interview über die Ursprünge der Szene von 1984, in der sie erstmals von verschiedenen Bezeichnung hörte.
Auch die direkte Verbindung von Musik und den Gothic-Novels fehlt mir in der Geschichte ein wenig, ist aber auch nur lückenhaft belegt und bleibt letztendlich Ansichtssache.
Mit der Ausdifferenzierung hast du darüber hinaus vollkommen Recht, die Verwendung des Wortes schwankt zwischen Stigmata und Kategorisierung, manchmal verstehe ich persönlich nicht die Abneigung gegen eine solche Einordnung, schließlich denke wir alle zunächst in Schubladen, daran ist erstmal nichts schlimmes.
Interessant wäre es auch in diesem Zusammenhang der Frage nachzugehen, ob man es Grufti oder Gruftie schreibt, das beschäftigt mich auch schon ein ganze Weile und wird in zahlreichen Publikationen immer wieder anders aufgeschrieben.
Super interessanter Artikel, der endlich für mich mal etwas Licht ins Dunkel (hihi) gebracht hat. Soso, die Bezeichnung stand also eine Zeit lang für alles “Primitive”. Wie unangenehm. Das will man ja lieber gar nicht hören. Danken wir also dem Horace Walpole, von dessen Buch Du vermutlich Deinen Blognamen entlehnt hast??
Ich mag den Begriff Gothics selbst sehr. Und ich kenne auch noch die liebevolle Bezeichnung “Blackies”… Wie Robert würde mich auch mal interessieren, ob es nun “Grufti” oder “Gruftie” geschrieben wird. Na, was sagt der Sprachwissenschaftler dazu?
Ich tippe mal auf beides
@Schatten: In “gothicist” hast du aber das potenziell falsch auszusprechende “th” direkt neben “s” – das ist ja noch schlimmer
Das schreit nach einem klassischen Fehler, der oft herauskommt, wenn man sich ZU viel Mühe gibt es richtig zu machen: der englischen “Elizabeth”, die bei Deutschen gern zur “Elithabes” wird – ein gossithist willst du doch sicherlich nicht sein 

@Robert: Freut mich, dass es dir gefällt ^^ Ich dachte mir auch, dass “goth” schon älter sein müsste, hatte aber gerade nur linguistische Quellen als Belege, und die geben sich in solchen Fällen nicht SO viel Mühe mit 5-6 Jährchen.
Den Bezug von Gothic(-Novel) zu Gothrock habe ich absichtlich nur am Rande angesprochen, da er anfangs eben keineswegs beabsichtigt war, wie diverse Leute ja immer wieder sehr sehr gern betonen (Robert Smith, Andrew Eldritch, Ian Astbury, Daniel Ash,…). “Bela Lugosi’s dead” und “A Forest” etwa sind auch im klassischen Sinne absolut gothic, wie am Rande erwähnt – spätere konkrete Bezüge auf das Gothic-Genre dachte ich mir dürfen in diesem Kontext kurz am Rande erwähnt bleiben (ich denke da allein schon an Bandnamen wie “Nosferatu”, “House of Usher”,…).
Achja, und ich schreibe übrigens immer absichtlich “Grufti”, kann aber gerade keinen konkreten Grund geben… Man müsste einfach mal recherchieren, was es mit der Endung “-i(e)” im Allgemeinen auf sich hat. Einfach mal “Diminutiv-Suffixe” googlen
@Shan Dark: In der Tat, das habe ich ^^ Gewissermaßen ist der Roman eben der Ursprung des Gothic, daher habe ich den Titel gewählt weil ich eben über alle Aspekte des schwarzen Lebens schreibe und nicht nur über die moderne Szene. Außerdem klingt es schön mystisch, weil es normalerweise keine Sau versteht (der Roman ist ja nicht gerade bekannt, und ehrlich gesagt ist er grottenschlecht ^^).