Romantik – Zwischen Traum und Tod

Geschrieben von Karnstein am 8. April 2010 in Kunst, Literatur |
Francisco de Goya

Francisco de Goya

Heute möchte ich mich einmal der Epoche widmen, die das Gothic-Genre wie man es heute kennt überhaupt erst hervorgebracht hat: die Romantik.
Der Begriff ist heutzutage ziemlich verwässert und lässt uns in der Regel an Kitsch, Blumen und traute Zweisamkeit denken. Doch weit gefehlt: Begrifflich bedeutet „Romantik“ ungefähr, sich mit Geschichte und Kultur des eigenen Volkes auseinanderzusetzen und nicht mehr mit der in der Renaissance so hoch geschätzten Antike (die gelesenen Stoffe waren also nicht mehr in lateinischer Sprache, sondern in der jeweiligen Landessprache, was in Frankreich, Italien, Spanien, etc. eben romanische Sprachen sind). Damit stellte die Romantik aber nicht etwa den neuen allgemeinen Zeitgeist dar, sondern war quasi Gegenspieler der Klassik, die sich weiterhin an der Antike orientierte.

Vor allem aber ist die Romantik (des späten 18. und 19 Jahrhunderts) als eine Gegenbewegung zur nüchtern und naturwissenschaftlich geprägten Aufklärung zu verstehen. In einer Zeit, in der alles durchleuchtet und erklärbar wurde und man die Dinge entmystifizierte und rational betrachtete sehnten sich viele Menschen nach dem Undurchschaubaren, nach Mystik und Abenteuer.
Also entdeckte man beispielsweise die Welt der heimischen Sagen und Volksmärchen für sich und romantisierte das Mittelalter (unsere heutige Vorstellung vom Mittelalter ist noch immer diese romantisch verklärte Vision). Vernunft, Rationalität und kühle Betrachtung waren passé, statt dessen standen große Gefühlsregungen, Leidenschaften und Sehnsüchte im Mittelpunkt.

Da wir von einer mehr oder weniger bewussten Gegenbewegung (und somit ein Stück weit vielleicht auch von Realitätsflucht) sprechen, und in Anbetracht der allgegenwärtigen Ängste der Menschen vor einer bedrohlichen, unbekannten, und von Industrie dominierten Zukunft, sollte es nicht überraschen, dass die Romantik im Allgemeinen schon nicht sonderlich fröhlich war (siehe etwa Goethes „Leiden des jungen Werthers„) und schon bald etwa in der deutschen (literarischen) Schauerromantik eine konkret düstere Ausprägung erfuhr, in der z.B. Geistergeschichten rezipiert und geschrieben wurden und wo Melancholie, Tod, Verzweiflung und Wahnsinn oft im Mittelpunkt standen.
Beispielsweise wären hier E. T. A. Hoffmanns „Nachtstücke„, Gottfried August Bürgers „Lenore“ oder auch Goethes „Totentanz“ zu nennen, doch natürlich waren es nicht nur deutsche Autoren, die sich auf diesem Feld betätigten, und so waren es vor allem die Engländer, die dieses Sub-Genre vorantrieben und sich mit deutschen Autoren munter austauschten und hin und her inspirierten.

Neugotik in Strawberry Hill

Neugotik in Strawberry Hill

Doch Literatur war natürlich nicht das einzige künstlerische Feld, in dem sich die Romantik manifestierte. Besonders in englischen Oberschichtkreisen kam es zu einem Revival der gotischen Architektur, und somit auch in diesem Bereich zu einer romantisierten Form dessen, was man sich unter dem Mittelalter vorstellte. Horace Walpole z.B. (der mit seinem Roman „Das Schloss von Otranto“ Namen und Motive der Gothic-Kunst prägte) gründete eigens ein „Kommittee des (guten) Geschmacks“, dass ihn bei den Entscheidungen rund um das Umgestalten und Ausbauen seines berühmten Wohnsitzes Strawberry Hill in neugotischem Stil unterstützte, wobei Kathadralen ebenso Vorbild waren wie Grabmäler. Andere gingen gar so weit und bauten sich gotische Ruinen und nachgemachte Friedhöfe in ihre Landschaftsgärten und schufen kleine Grotten, in denen als Einsiedler verkleidete Landstreicher hausten, die extra dafür bezahlt wurden.

Ebenso ist die Malerei der Romantik oft weniger geprägt von „romantischen“ Landschaftsbildern, sondern eher von düsteren, introspektiven Bildern von Bedrohung und Verzweiflung.  Beispielsweise Francisco de Goyas Radierung „Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“ (siehe oben links) gehört einerseits zweifelsohne zu den bedeutendsten Werken der Romantik, wurde andererseits von Richard Davenport-Hines bezeichnet als „perhaps the most important single image for the historian of the gothic“ („das vielleicht wichtigste Bild für den Gothic-Historiker“).

Diese tendenziell düster-morbide Haltung macht sich z.B. auch kenntlich in der Berwertung von zeitgenössicher Musik.
So gehen z.B. bei der Kritik der Beethoven-Klaviersonate Nr. 14 (bzw. deren ersten, sehr langsamen und melancholischen Satzes) durch Kritiker der Romantik die Interpretationen drastisch auseinander: Das Stück ist sehr schleppend und in (cis-)Moll geschrieben und inspirierte dadurch den Musikkritiker Ludwig Rellstab zu der bekannten Bezeichnung „Mondscheinsonate“, da er sich an eine romantische, nächtliche Bootsfahrt auf dem Vierwaldstätter See erinnert fühlte.
Zeitgenosse und Kollege Wilhelm von Lenz dagegen hatte weit düsterere Assoziationen, als er sich vorstellte, Beethoven habe das Stück an der Totenbahre eines verstorbenen Freundes geschrieben und es handle sich um einen Trauermarsch. Solch unterschiedliche Assoziationen ein und desselben melancholischen Themas sprechen wohl für sich.

Andere gingen gar so weit und bezogen Elemente der Schaurromantik in ihre Kompositionen ein. So schuf Hector Berlioz 1830 die „Symphonie Fantastique“ (bei der David Stevens konkret von „gothic influence“ spricht), deren dramatische Handlung sich um unerwiderte Liebe, Verzweiflung und Träume von Tod dreht, und die mit einem Hexensabbath mit einer Parodie des Dies Irae (aus der katholischen Totenmesse) schließt. Musikalisch haben wir es mit einer Berg- und Talfahrt der Gefühle zu tun, bei der auch bei scheinbarer Euphorie ein bedrohlicher Kontrabass im Hintergrund brummt und ruhige Momente von einzelnen harten Tönen wie Blitz und Donnerschläge durchzuckt werden.

Caspar David Friedrich

Caspar David Friedrich

Und wer jetzt noch denkt, Romantik habe etwas mit verträumtem Friede-Freude-Eierkuchen zu tun, der bemühe kurz Google nach den Namen verschiedener romantischer Maler wie etwa erwähnter Francisco de Goya, Johann Heinrich Füssli oder Caspar David Friedrich, deren mannigfaltige Werke (rangierend zwischen Melancholie, Ohnmacht und wildem Alptraum) wohl mehr aussagen als ich in Worten transportieren könnte.

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Ein Kommentar

  • Mr Martinito sagt:

    Ganz toller Post! Sehr schön, wie Du gewissermaßen „in a nutshell“ nicht nur die romantische Kunstepoche selbst, sondern vor allem auch deren Verwobenheit mit der modernen Gothicszene schilderst. Wenn man Deinen Darstellungen so folgt, springen einem die Parallelen derart ins Gesicht, dass man sich schon fragt, warum die mehrheitliche Wahrnehmung des modernen Gotentums eigentlich hauptsächlich um bedeutungslose Nebensächlichkeiten wie Freakstyling, Satanismusvorwürfe und spätpubertäre Provokation kreist.

    Als jemand, der der Romantik bekennenderweise aber auch recht ambivalent gegenübersteht (geschweige denn, sich besonders von dieser Form von Ästhetik beeinflusst fühlt), kann ich mir allerdings auch das eine oder andere kritische Wort nicht verkneifen:

    So halte ich es beispielsweise für eine etwas verkürzte Darstellung, die Romantik als eine Art Gegenbewegung zur Aufklärung zu beschreiben. Das mag vielleicht der bewussten Motivation oder auch der Eigenwahrnehmung der meisten Romantiker entsprochen haben. In einem weiter gefassten ideengeschichtlichen Kontext halte ich die Romantik allerdings für nichts weiter als Aufklärungsära-Philosophie und Aufklärungsära-Weltanschauung mit invertierten Vorzeichen. Gerade z. B. der so scharf mit „Kultur“ und „Zivilisation“ kontrastierte Naturbegriff der Romantiker (den man ja gewissermaßen als primum movens des verbreiteten romantischen Leitmotivs der schmerzlich-süßen Sehnsucht nach dem „Natürlichen“ betrachten könnte) riecht mir doch verdächtig streng nach den harschen Dualismen des Cartesianismus und ähnlicher Aufklärungsideologien.

    Auch sollte man erwähnen, dass sich in diesem antiaufklärerischen Kontext gerade die spätere Romantik leider immer mal wieder als Sammelbecken reaktionärer, antiegalitärer und antiemanzipatorischer Ideen entpuppt.

    Aber das alles hängt letztlich mit Deinem Artikel nur noch sehr vage zusammen und sollte wohl besser mal bei einem Gläschen Absinth auf der nächsten Wiesbadener Zusammenkunft diskutiert werden.

    Gruß,
    Martinito

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