Gothic Friday – Top of the Goths (Literatur)

Geschrieben von Karnstein am 5. August 2011 in Gothic Friday |

Auch das aktuelle Thema im Gothic Friday ist wieder eines über das ich mich stundenlang in aller Breite auslassen könnte, wenn man mich nur lässt.
Die Rede ist von einer Top 5 von Büchern und ich muss mich Robert in seiner Einschätzung uneingeschränkt anschließen, dass gerade dies ein sehr sehr interessantes und vielseitiges Thema unter Schwarzvolk sein kann und bin daher mehr als gespannt auf die Beiträge meiner Mitblogger.

Genau diese Vielfalt ist es aber auch, die es mir ausgesprochen schwer machen würde mich für 5 konkrete Bücher zu entscheiden die es Wert wären vorgestellt zu werden. Daher möchte ich mir die Freiheit herausnehmen den Titel etwas freier auszulegen und eher fünf Kategorien vorstellen und dafür auf all zu konkrete Beschreibungen einzelner Werke zu verzichten.

5. Sachliteratur

Auf Platz fünf nicht deshalb weil ich sie mir weniger wichtig ist als die anderen, sondern weil sie mir am wenigsten relevant scheint für den Gothic Friday, denn thematisch haben meine Bücher meist wenig mit Gruft-Clichées wie etwa Spiritualität sondern vor allem mit meinen Hobbys der Sprachwissenschaft und der Mittelalterdarstellung, oft auch in Kombination.
Bücher über mittelalterliche Kleidung, über Dialekte und historische Ausspracheentwicklung des Englischen oder über die Entwicklung der Schrift im mittelalterlichen Deutschland (siehe etwa die Entwicklung des Buchstaben „a“ rechts).

Alles in allem sehr spezieller und daher für die meisten wohl sehr trockener Kram, der daher hier zunächst nicht genauer unter die Lupe genommen werden soll 😉

 

4. Trivialliteratur

… ist so ein böses Wort, klingt es doch immer nach Literatur von geringerem Wert. Ich meine damit ganz einfach Unterhaltungsliteratur ohne den Anspruch sich in nennenswerte Tiefen zu begeben. Mein Lieblingsautor in dem Bereich etwa, J.R.R. Tolkien (den ich vor allem für das „Silmarillion“ schätze, weniger für den „Lord of the Rings“), ist geradezu offensiv umgegangen indem er allegorische Lesung seiner Werke vehement abgelehnt hat und sie als reine Unterhaltung mit nichts als ästhetischem Wert (literarisch, sprachlich, ggf. historisch) gelesen wissen wollte.
Und so genieße ich etwa auch „Harry Potter“ oder sogar die „Twilight“-Serie und es ist mir nichtmal peinlich 😉 Mein Favorit ist und bleibt wohl jedoch Tolkien, dessen Werke jenseits des „Herrn der Ringe“ man sich auch mal zu Gemüte führen sollte – von weniger oder nur partiell bekannten Werken aus seinem Mythos wie der Narn i Chîn Húrin bis hin zu seinen herzerweichenden Kinderbüchern wie Roverandom.

3. Lyrik

Die nächste Art von Literatur die ich anführen möchte ist eine noch weiter gefasste Kategorie als die letzten beiden, denn mit Lyrik und Poesie kann man mir eigentlich immer kommen.
Ich liebe etwa Goethe (wohl wissend dass auch das nicht sonderlich originell ist :) ), kann persönlich aber in aller erster Linie nur etwas mit seinen Gedichten anfangen. Von „Der Gott und die Bajadere“ bis hin zum „Totentanz“ – besonders seine kunstfertigen strengen metrischen Strukturen haben es mir angetan und sind auch für mich stets Ansporn gewesen meiner Dichtung ein starres Korsett zu verpassen dem dann jede einzelne Zeile gerecht zu werden hat – für mich liegt darin ein Stück weit mehr Kunstfertigkeit, aber ich bin ja auch furchtbar altmodisch :)

Auf der anderen Seite kann ich mich aber auch für sehr moderne Werke begeistern, wie etwa für die grandios absurden Werke Ernst Jandls, etwa „Schtzgrmm„, wenngleich derlei Werke für mich persönlich immer weniger inspirierend waren.

Daher stapeln sich bei mir die Lyrik-Sammelbände, von „English Love Poems“ über „Goethes Gedichte“ bis hin zu Poe-Sammlungen um den „Raven“ und „Annabel Lee„.

 

2. Kurzgeschichten

Auf Platz zwei meiner reichlich reichlich unkonzeptionellen Liste eher ein Medium als eine Literaturgattung, nämlich die Kurzgeschichte. In den letzten Jahren hat sich herauskristallisiert, dass dieses Medium mir im Großen und Ganzen am meisten zusagt. Das mag auf meine manchmal eher geringe Aufmerksamkeitsspanne zurückzuführen sein, aber vielleicht auch auf die mit der Kurzgeschichte an sich einhergehende Reduktion, die ich mitunter sehr spannend finde.

Nicht selten fehlen Aspekte wie etwa Tiefe oder Entwicklung der Charaktere, was bei Romanen natürlich einen offensichtlichen Mangel darstellen würde. Bei der Kurzgeschichte jedoch kann dies zum Konzept gehören und als Stilmittel verwendet werden.
Besonders in meinen favorisierten düsteren Genres kann dies z.B. in der Form des nicht vertrauenswürdigen Erzählers ein zentrales Motiv sein, da man erst nach und nach beginnt zu verstehen was denn tatsächlich vorgeht. So etwa in Poes „Tell-tale Heart“ oder Gilmans „The Yellow Wallpaper„, wo der „Gothic Villain“ und der Erzähler im „Madman“ zusammenfallen.

Besonders angetan haben es mir hier die Werke von H.P. Lovecraft (die zu umreißen eine eigene Serie von Artikeln wert wäre) oder auch andere Werke wie etwa Matthew Phipps Shiels „House of Sound“, Hoffmanns „Sandmann“ oder Ernest Dowson’s „The Visit„, dessen Kürze auch dem Medium Kurzgeschichte noch die Krone aufsetzt.

 

1. Gothic Novels

Auf Platz 1 die Königsklasse der Düsterliteratur, der Beginn aller elaborierteren morbiden Kunst und die (oft unbekannten und teils verleugneten) Grundmauern unserer schönen schwarzen Subkultur. Das weitere Genre „Gothic“ ist ganz offensichtlich mein liebstes, wie auch an den aufgeführten Kurzgeschichten leicht zu erkennen ist (die zwar vielleicht nicht alle explizit Gothic sind, aber doch in deutlicher Tradition stehen), aber begonnen hat alles letztlich mit längeren Romanen.

Klassiker wie Stokers „Dracula“ oder Shelleys „Frankenstein“ müssen kaum noch erwähnt werden, und auch die allererste Gothic Novel, nämlich Walpoles „The Castle of Otranto“, wird regelmäßigen Lesern meines Blogs nicht gänzlich unbekannt sein.

Doch auch etwa Matthew Lewis‘ „The Monk“ sei dem geneigten Leser ans Herz gelegt, eine Geschichte um Verführung und Blasphemie, Gewalt und Satanismus, garniert mit etwas Homoerotik, Inzest und Vergewaltigung. Und das alles innerhalb von Klostermauern.
Um dem modernen Leser vor Augen zu führen welch eine abartige Ungeheuerlichkeit das alles für die englische Gesellschaft um 1800 war wird teils der Vergleich zum Thema Kindesmisbrauch gezogen als einem Thema das die heutige Gesellschaft (verständlicherweise) als widerliches Tabu betrachtet. Ein solcher Vergleich scheint gewagt, doch tatsächlich war das Buch zunächst höchst umstritten und wurde von vielen zeitgenössischen Kritikern komplett verrissen.

Nur andere zeitgenössische Romantiker sowie spätere Kritiker erkannten den literarischen Wert und die inhaltlichen Motive, die zumindest beim frühen Gothic fast nie fehlten – nur selten war Gothic nicht nur das Genre sondern auch der gesamte Inhalt – kaum einmal finden wir nur Horror des Horrors wegen.

Wer jedoch einen anderen Blickwinkel vorzieht, dem sei Jane Austens „Northanger Abbey“ empfohlen, ein Buch das man als Romantik-Persiflage, ja sogar konkreter als Gothic-Satire lesen kann. Charaktere und Motive die in jedem Aspekt den gängigen Clichées der (schwarzen) Romantik entsprechen – nur mit umgekehrten Vorzeichen.
Helden die nicht sehr heroisch sind. Frauen die weder allzu hübsch noch nennenswert intelligent sind. Mysterien die beim näheren Betrachten keine sind und Horror der auf ernüchternde Art und Weise völlig banal zu erklären ist. Und das alles mit Austens sehr speziellem Humor.

 

Ich hoffe, ich habe die Regeln mit meiner Auslegung des Themas nicht zu weit gedehnt, aber ich denke es wäre mir kaum möglich gewesen mich dem Thema auf andere Art und Weise zu nähern. Außerdem war es mir auf diese Weise möglich mehr als nur fünf Werke vorzustellen, die es in meinen Augen verdient haben dass man sie mal ein wenig bewirbt :)

8 Kommentare

  • Schatten sagt:

    Sehr schön!
    Auf deinen Beitrag war ich ja besonders gespannt, werter Herr von Karnstein, da neben Kopftuch und Pikes, der Hang zur Literatur eins deiner Markenzeichen ist. 😉
    Und meine Erwartung wurde nicht enttäuscht, ein Beitrag den man gerne ließt und in dem einige gute Empfehlungen stecken, so werde ich mir zum Beispiel bei Gelegenheit mal The Monk zu Gemüte führen und auch sonst sind einige interessante Sachen dabei :)
    Das einzig schlechte an Lovecraft ist, das die Stadtbücherei hier ein einziges Buch von ihm besitzt und das ist noch nichtmal sonderlich umfassend, sondern nur eine Einzelausgabe von Berge des Wahnsinns.

  • stoffel sagt:

    Gerade die Sachliteratur finde ich ausgesprochen interessant und alles andere als „trocken“ … gibt es war spannenderes als Geschichte?
    Wieder ein sehr schöner Beitrag von Dir und die ein oder andere Buchempfehlung habe ich mir gerne mitgenommen :)

  • Karnstein sagt:

    @Schatten: Vielen Dank, diese Einschätzung schmeichelt mir mehr als die um Pikes oder sonstwas :)
    @Stoffel: Da freue ich mich doch umso mehr! Meiner Einschätung nach ist das alles natürlich auch keineswegs trocken, aber meine Erfahrung zeigt mir einfach dass es oft so empfunden wird. Es sind eben keine Geschichtsbücher, sondern welche über konkrete historische Aspekte.
    In diesem Kontext hätte ich fast eine Subkategorie 5.b einbringen können, die mittelalterlichen Handschriften die ich mir etwa als PDFs von der Webseite der Heidelberger Uni organisiere um damit Dialekt und Schreibkonventionen bestimmter Gegenden und Zeiten zu rekonstruieren. Aber DAS hätte nun wirklich den Rahmen gesprengt 😉

  • stoffel sagt:

    Alles was den Rahmen sprengt schreit förmlich nach einem weiteren Artikel :) Also wenn Du Lust und Zeit hast, her damit *liebdrumbittet*

  • Guldhan sagt:

    […] Bücher über mittelalterliche Kleidung, über Dialekte und historische Ausspracheentwicklung […]

    Dahingehend müsste ich meinen Fundus allmählich mal aufstocken.
    Denn auch wenn man mich in Mediävistik mit der aktiven Reproduktion sowie der passiven Übersetzung alter Sprache quälte. Und ich zugegebener wie fataler Maßen diese Kurse gerne umging. So saß ich doch umso gebannter in den Vorlesungen und lauschte den akademischen Titeln, wie sie Klischees und Stereotypen aus Film, Fernsehen und Märchenbuch aufbrachen und damit jener Zeit wieder wirkliches Leben einhauchten.

  • Karnstein sagt:

    Oh, ich bin nicht der einzige Mediävist in unserer illustren Runde? :)
    Was meinst du aber genauer mit der „aktiven Reproduktion“ – musstet ihr die Sprachen tatsächlich anwenden? Wie ungewöhnlich in dem Fachbereich; ich wünschte ich wäre mal mehr als nur im privaten Rahmen in die Verlegenheit gekommen (lediglich in einem Altenglisch-Seminar gab’s mal ein paar wirklich praktische Übungen).

  • Guldhan sagt:

    Nicht der einzige, aber definitiv der qualifizierte. Denn aufgrund meiner damaligen Arbeitsmoral ließen später auch die Leistungen innerhalb der Grammatik zu wünschen übrig und dementsprechend wenig ist Heute davon noch vorhanden.

    Eine Anwendung, indem wir in heiterer Runde beisammensaßen und uns in Mittelhochdeutsch unterhielten, war es nicht. Wobei das sicherlich nur aufgrund des straffen Lehrplanes wegfiel. Schließlich lernt man so eine Sprache am besten.
    Doch es verging kaum Zeit, dass nicht mit dem Finger auf einen gezeigt und zum Konjugieren bzw. Deklinieren genötigt wurde. Und dabei durften auch so manche kleine Wortgruppen oder Satz gebildet werden. Vokabelabfrage sozusagen. Zudem das obligatorische Vorlesen und Vorlesen und Vorlesen.

    […] ich wünschte ich wäre mal mehr als nur im privaten Rahmen in die Verlegenheit gekommen […]

    Es ist schade, dass man mit solch speziellen Interessensgebieten kaum mehr jemanden außerhalb der Materie anlocken kann. Sonst könntest Du beispielsweise an Volkshochschulen oder Akademien anklopfen und Kurse geben.
    Zumal Interesse oder Verständnis für die Entwicklung der Sprache zum bewussteren Umgang mit dieser führen würde. Und könnte beispielsweise für das Deutsch so manchen Reaktionär oder Anglizismen-Anbeter bekehren.

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