Gothic Friday – Ist Gothic (m)ein Lebensstil?

Geschrieben von Karnstein am 22. September 2011 in Gothic Friday |

…ist soetwas wie die Gretchenfrage des Gruftitums, hängt sie doch untrennbar mit zwei sehr grundlegenden und daher reichlich umstrittenen Fragen zusammen, die ich zunächst klären möchte, auch wenn sie mehr oder weniger unterschwellig schon mehrfach angesprochen wurden:
Was ist Gothic?“ und „Bist du ein Goth?“ – der aktuelle Gothic Friday geht also an die Fundamente.
Lasst mich das Thema von zwei unterschiedlichen Winkeln angehen:

1. Der Individualist

Wenn es in der deutschen schwarzen Szene heute soetwas wie einen Konsens gibt, dann lautet er etwa „Verschone mich mit Schubladen“ – wer mich selbst oder meine Musik, Kleidung, etc. in ein solche Schublade steckt, der ist arrogant weil er sich anmaßt Definitionen vornehmen zu wollen und außerdem tut er mir persönlich unrecht, weil ich ein Individuum bin, was scheinbar mit der Angehörigkeit zur einer Subkultur unvereinbar ist.

Meines Erachtens ist diese Haltung ebenso verständlich wie unreflektiert. Denn natürlich definiert sich niemand gern über Schublade XYZ sondern wird lieber als Individuum wahrgenommen. Aber diese Individualität gibt man eben nicht auf, wenn man die Ehrlichkeit besitzt den eigenen Geschmack mit einem griffigen (wenn auch sicherlich nicht unproblematischen) Etikett zu versehen, das anderen Menschen dabei hilft zu verstehen und einzusortieren (und einsortiert werden wir immer, so oder, da hilft alle Individualität nichts).

Wer entdeckt das Individuum?

Wer entdeckt das Individuum?

Wer wirklich über solchen Dingen steht und keinerlei Interesse an Begrifflichkeiten und Genres hat, wer sich wirklich und wahrhaftig denkt „Gothic? Mir doch egal“, der ist mir mehr als willkommen, denn niemand sollte sich mit XYZ auseinandersetzen MÜSSEN.
Wer aber lautstark palavert, wie individuell er doch ist, wie wenig er sich von einer Schublade einschränken lassen möchte, etc.pp., dem ist es nicht egal. Der hat sich damit auseinandergesetzt und ist zu den (meiner bescheidenen Meinung nach) falschen Schlüssen gekommen. Denn wer einmal anfängt seinen Geschmack in Dingen wie Musik und Kunst, sein Ästhetikempfinden, und seine generellen Interessen zu hinterfragen und große Gemeinsamkeiten zwischen vielen von diesen Dingen (wenn nicht zwischen allen) entdeckt, dem sollte klar sein dass ein Etikett legitim und nicht einschränkend ist, weil es eben nur ein Wort ist, dass den ohnehin vorhandenen Status Quo beschreibt, und keine Vorgabe in welche Richtung man sich zu verändern hätte.

Ob man nun zu dem Schluss kommt „Ich bin ein Goth“ oder ob einem „Ich steh auf Gothic“ lieber ist, das ist eine andere Frage, aber dass Gothic eine Rolle im eigenen Leben spielt – warum das dann noch leugnen?
Denn egal ob man eine enge Definition im Sinne der ursprüngliche(re)n schwarzen Szene(n) vornimmt („Goth subculture“) oder eine weitere im Sinne der von mir so gerne propagierten Gesamtheit der schwarzen Kunst der letzten 300 Jahre („Gothic tradition“): Definitionen existieren. Fakten existieren.

2. Der Enthusiast

Andere (meist jüngere oder doch zumindest in höherem Alter erst zur Szene gestoßene Menschen) dagegen empfangen alles was Gothic ist oder zu sein scheint mit offenen Armen. Das ist meist der Schlag Mensch der in seinen Online-Profilen schonmal profilaktisch angepisst ist, weil ihm ja eh klar ist, dass er von niemandem akzeptiert wird: „Ja, ich bin ein Gothic, und wer damit nicht klar kommt der kann mich mal!“

Mantel? Check... Friedhof? Check... Jetzt bloß nicht lächeln!

Mantel? Check... Friedhof? Check... Jetzt bloß nicht lächeln!

Diese Enthusiasten sind es dann auch meist die gerne großspurig verkünden wie ernst es ihnen doch ist, natürlich auch profilaktisch damit einem bloß niemand vorwerfen kann man wäre nur ein Mitläufer oder befände sich in einer kindischen Phase: „Gothic ist eine Lebenseinstellung!“ heißt es dann so oft, und gemeint ist eigentlich nur „Nehmt mich bloß ernst!“.
Denn auf die Frage, was es denn mit dieser „Lebenseinstellung“ auf sich hat kommen meist nur reichlich schwammige Antworten, wenn man sich überhaupt zu dem Versuch herablässt.

Denn eine Einstellung zum Leben – ist Gothic das? Kann Gothic das überhaupt sein?
Wie oben erläutert lautet meine Meinung eindeutig: Nein.
Denn Gothic wie ich es verstehe ist ein Begriff der allerlei Dinge beschreibt die man am ehesten unter dem Stichpunkt „Geschmack“ zusammenfassen kann. Ja, Geschmack nicht nur in Sachen Kleidung und Musik, sondern durchaus auch insofern als dass man sich für morbide Themen interessiert oder gerne auf Friedhöfen spazieren geht. Aber dennoch letztlich Geschmack, und keine Einstellung die durch spirituelle oder politische Ansichten und Werte definiert wird.
Natürlich ist ein Interesse für spirituelle Themen per se ganz und gar gothic, aber es gibt nicht die eine Sichtweise die mit dem Begriff „Gothic“ beschrieben werden kann.

Was Gothic sein KANN (und daher bin ich Robert und Shan sehr sehr dankbar für den gewählten Themen-Titel) ist ein Lebensstil. Der Stil nämlich ist das „wie?“ und nicht nicht das „warum?“, und hier kann Gothic mit Leichtigkeit ins Spiel kommen, ABER (und das ist das spannende) – es MUSS nicht.

Ich habe Leute kennengelernt die Gothic sehr schätzen. Menschen die alte Gothic-Literatur studiert haben, einen Fable für moderne schwarzromantische Künstler haben, die mit Leichtigkeit Gothic-Elemente z.B. in zeitgenössischem Film (auch aber nicht nur von Tim Burton) entdecken und die mir fasziniert gelauscht haben als ich versucht habe den Einfluss von traditionellem Gothic auf die Post-Punk-Szene anhand von Bauhaus, Cure und Alien Sex Fiend zu erläutern. Menschen also, die Gothic wirklich grandios finden, die aber dennoch keinen Lebensstil daraus gemacht haben und sich auch nicht in der Szene bewegen.

Aber auch wer sich in der Szene bewegt muss meines Erachtens natürlich keinen Lebensstil daraus machen, einfach weil hier niemand irgendetwas muss. Besonders bei Anhängern der ursprünglichen Szene Englands trifft man nicht selten auf eine Haltung wie „Goth ist Musik und Kleidung, und wer etwas anderes behauptet ist ein Poser“.
Ich kann diese Meinung nicht teilen, aber ich muss sie tolerieren, denn wenn man den bewussten und konkreten Einfluss alter Gothic-Kunst ausblendet bleibt natürlich nichts weiter über. Siouxsie Sioux und Bauhaus etwa haben sehr bewusst Gothic-Elemente in ihre Musik eingebracht, aber der aus ihrer Musik hervorgehenden Szene war das sich sicherlich reichlich schnuppe.

3. Mein Fazit…

… muss also schlichtweg lauten: Alles kann, nichts muss.
Wer sich in der Szene bewegt (und damit meine ich nicht sich am Wochenende aufgebrezelt in Szene-Clubs rumzutreiben), dessen Lebensstil wird mit einiger Sicherheit „Gothic“ genannt werden dürfen, und er selbst ein „Goth“ – ganz automatisch und einfach aus den eigenen Vorlieben heraus. Allerdings kann einem das natürlich komplett am Arsch vorbei gehen.

Ich wünschte nur mehr Leute würden sich
a) die Mühe ersparen lauthals zu leugnen was sie offensichtlich sind oder
b) die Peinlichkeit ersparen das eigene Gruftitum aggressiv und unfundiert untermauern zu müssen.

Lebt doch einfach gothic und scheißt auf alles andere 😀

5 Kommentare

  • shan_dark sagt:

    Gut, dass das mal einer aufs schwarze Tablett bringt! Kritisch, gut beobachtet und deine Wünsche im Fazit a) + b) teile ich persönlich 100%ig. Einfach das rauslassen, was raus muss und in einem ist. Nicht mehr sein wollen, aber auch nicht weniger.

    Das Einzige, was in Deinem sympathischen Beitrag fehlt, ist was Deinen persönlichen Lebensstil ausmacht. Wiederum offenbarst du das ja in den „Gothic Challenge“-Beiträgen, die ich (bis auf die letzten Tage) immer genüsslich gelesen habe.

    Ach so, 10/10 points für die Bilder – sehr amüsant!

  • Melle Noire sagt:

    Hi!

    Ein wirklich interessanter Beitrag !
    Ich gehöre zu den Leuten, die sagen:
    Ja, ich bin ein Gothic! Und ja, das ist meine
    Lebenseinstellung. Einfach, weil es sich für
    mich so anfühlt! Daß man von anderen in
    Schubladen gesteckt wird, läßt sich kaum
    vermeiden. Und das gilt für nahezu alle
    Lebensbereiche. Meine Szeneangehörigkeit
    ist ja auch nicht in allen Angelegenheiten der
    springende Punkt. Manchmal ist sie sogar
    ausgesprochen nebensächlich, manchmal
    geht es primär um ganz andere Dinge.
    Und über manchem muß man einfach
    drüberstehen. :)

    Dunkle Grüße!
    Melle

  • Karnstein sagt:

    @Shan: Vielen lieben Dank, das freut mich :)
    Ich habe ehrlich gesagt meinen persönlichen Lebensstil absichtlich nicht nochmal ausgerollt. Zum einen wird hier wohl deutlich DASS Gothic mein Lebensstil ist, und zum andern habe ich mein Pulver bezüglich des „wie?“ im Prinzip schon mit vergangenen Gothic-Friday-Beiträgen verschossen in denen ich über Friedhofsspaziergänge, künstlerische Ambitionen, etc. gesprochen habe.
    @Melle: Dem kann ich mich uneingeschränkt anschließen – bis auf die Feinheit dass ich eben nicht von einer „Einstellung“ reden mag, aber das ist letztlich wohl Auslegungssache und ein Stück weit auch Haarspalterei, das gebe ich gerne zu 😉

  • ASRianerin sagt:

    Ein schöner Beitrag!
    Besonders schön finde ich, dass du diese Sache mit den Schubladen angesprochen hast.
    Das ist auch etwas, was in letzter Zeit (?) irgendwie zum Trend geworden ist. Ich kann auch verstehen, dass man nicht ständig in eine Schublade gepresst werden will, in die man nicht gehört, aber bei solchen Fällen denke ich dann manchmal:“Nunja. Wenn die Umgebung das typische Styling sieht und auch einen entsprechenden Musikgeschmack findet – wo soll sie einen dann sonst einordnen?“
    Zumal solche Kategorisierungen nicht immer böse gemeint sind. Das Gehirn ordnet nun mal alles in Schubladen – man sollte es sich also, ganz einfach gesagt, nicht zu Herzen nehmen.

  • Joffrey sagt:

    Auch wenn der Kommentar zu solch altem Thema womöglich schon als Leichenschändung gilt, will ich doch die Gunst der Stunde nutzen und meine Ansicht niederschreiben, denn das Thema als solches finde ich eben über die Maßen interessant, da man sich immer wieder aufs Neue damit konfrontiert sieht.
    Ohne Frage erblickte ich die von dir genannten Typisierungen schon unzählige Male und die meisten mehr oder minder in der Szene verkehrenden Menschen lassen sich wunderbar in einen jener Pötte werfen. *lächelt*
    Nichtsdestotrotz ist die Problemfrage die sich mir persönlich stets stellt einfach was macht Gothic aus und was bedarf es somit ein Goth zu sein? Eine glasklare Definition existiert hier meines Wissens nach nicht und somit hat man eben einen äußerst schwammigen Bereich, wo alles Ansichts- bzw. Auslegungssache ist. In Deutschland darf sich eben „Maurer“ schimpfen, wer eine entsprechende Gesellenprüfung bei der Handwerkskammer abgelegt hat. Im Gegenzug ist er dann sogleich auch ein gelernter Maurer ganz egal ob er diesen Beruf nun aktiv ausübt oder nicht. Bei derlei Bezeichnungen ist die Lage klar definiert, doch wenn man natürlich über den Tellerrand blickt, kann man erahnen, dass es in anderen Ländern womöglich genügt, wenn man die Befähigung und das Wissen besitzt, eine Mauer zu errichten. Insofern ist es auch anderweitig stets eine Frage der Perspektive. Aber zurück zum Thema Gothic. Was ist nun also erforderlich um als Grufti durchzugehen? Fragt man irgendwelche gänzlich Außenstehenden genügt ohne Frage schon schwarze Kleidung. Wenn man jedoch heutzutage die farbliche Vielschichtigkeit der Szene bedenkt, gilt so mancher womöglich schon gar nicht mehr als Grufti für den Normalo.
    Ich für meinen Teil kann wohl wenn überhaupt, höchstens in den Bereich „Der Individualist“ fallen und ich erkenne mich ohne Frage auch in zahlreichen der erwähnten Punkte wieder. *lächelt* Gleichwohl existiert dennoch oftmals das Problem, das alle Individualisten von sich behaupten Individuell zu sein und doch scheinen dann untereinander wiederum alle gleich zu sein. Natürlich ist jeder Mensch ein eigenständiges Individuum und hat seine eigenen Ängste, Träume, Vorstellungen, Ansichten, etc. Trotzdem wollen sich meiner Meinung nach die meisten Menschen unter gleichgesinnten bewegen. Man hebt sich zwar merklich von der normalen (wenn die Irren diesen Namen denn verdienen, aber normal ist eben was die Mehrheit für die Norm hält und nicht was geistig gesund oder rational logisch wäre) Gesellschaft ab, aber für sich sucht man letzten Endes wiederum Menschen mit dem gleichen Musik oder Modegeschmack, etc. Die meisten ordnen sich letzten Endes auch dem Geschmack ihres Umfeldes unter, um eben Akzeptanz zu finden. Wer ein Cyber sein will muss sich eben kleiden als hätte er den Schuss nicht gehört. Wer in Rüschengewandung auftritt will eben einfach nicht so recht in die Cyber-Schublade passen.
    Ich glaube die Schlüsselerkenntnis ist im Grunde dass ein jeder für sich eine eigene Definition von Gothic hat. Womöglich vermag man es noch nicht einmal sie gänzlich klar zu benennen, aber unterbewusst hat denke ich ein jeder seine Vorstellung. Somit sind letztlich alle Individualisten aus ihrer Hinsicht ein Unikum, jedoch erschaffen sie sogleich einen für sie individuellen Maßstab dessen, was sie von den andern, welche sie allesamt über einen Haufen scheren, abhebt.
    Persönlich stehe ich zumeist im Zwiespalt. Einerseits empfinde ich den Begriff Gothic zwar angenehm und verbinde damit auch viel Schönes und Interessantes. Gleichermaßen hat man aber auch vieles vor Augen, was man in höchstem Maße lächerlich bis abstoßend findet und womit man ungern direkt in Verbindung gesetzt wird. Die Szene ist heutzutage halt äußerst breit gefächert und im Grunde wird sie immer vielschichtiger, so dass sich weitere Unterkategorien á la Cyber, Visual Kei, Lolita, etc. hinzustoßen, oder sich aus bestehendem entwickeln.
    Demzufolge kann man im Grunde immer eher als „Gothic“ bezeichnet werden, da es viel mehr Punkte gibt, welche man dahingehend zuzuordnen vermag. Im Gegenzuge will aber niemand mit der Allgemeinheit in den gleichen Topf geworfen werden, denn die Gemeinsamkeiten zwischen einem Cyber und einem Rüschengrufti sind eben eher marginal. Nicht nur das Musikrichtung und Modestil auseinander liegen, auch ist die Sicht aufs Leben oftmals fern einer Gemeinsamkeit. Weitere Interessen im Bereich Literatur etc. könnten auch kaum ferner auseinander liegen. Die Unterschiede sind letztlich derart vielfältig das die eigentliche Gemeinsamkeit nur noch darin besteht, das man nicht so sein will, wie der spießige „Normalbürger“, aber genüg das wirklich um eine ganze Szene zu definieren und zu bilden?
    Ich für meinen Teil schäme mich jedenfalls nicht zu sagen, dass die große Mehrheit der vermeintlichen Individualisten wunderbar in die Schubladen passt, welche ich eigens für sie beschriftet habe, denn gerade anhand von Szeneseiten wie SG, vermag man Menschen zumindest im groben miteinander zu vergleichen und da ist es mit echter Individualität zumeist nicht weit her.
    Letzten Endes vermag ich es jedenfalls nicht mich guten Gewissens als Goth zu bezeichnen. Es ist zwar nicht zu leugnen, dass es eine handvoll Übereinstimmungen gibt, aber jene existieren ja nicht um der Gothicszene willens, sondern wurden höchstens zuweilen von ihr einverleibt. Im Großen und Ganzen mangelt es mir jedoch an zu vielen Punkten um wirklich in irgendein Untergenre der Szene passen zu wollen, da es an den meiner Meinung nach für mich entscheidenden Punkten wiederum mangelt.

Schreibe einen Kommentar

Copyright © 2017 Otranto-Archive Rechte vorbehalten.
Desk Mess Mirrored v1.4.1 Theme von BuyNowShop.com.

QR Code Business Card