Gotik-Dienstag – Literatur
Vereinzelt versuche ich ja auch hier im “schwarzen” Kontext mal etwas über mein sprachliches und historisches Interesse einzubringen. So auch jüngst im letzten Gothic Friday beim Thema Literatur, wo ich eher am Rande meine Fachbücher dazu erwähnte und in einer noch marginaleren Notiz in den Kommentaren auch von den historischen Handschriften erzählt habe.
Zumindest die liebe Stoffel aber hat tatsächliches Interesse an der Materie angemeldet, und auch in der Vergangenheit haben sich immer mal ein oder zwei Leute gefunden, die meine Ausflüge interessant fanden.
“Warum also nicht?” dachte ich mir… im schlimmsten Falle liest es keiner, im besten hab ich meine Begeisterung an einige wenige Interessierte vermitteln können.
Hier also in unverschämt plumper Anlehnung an den “Gothic Friday” meine zweite Literatur-Top-5, diesmal im “Gotik-Dienstag”, der aus keinem anderen Grund so heißt als dass die Bücher in der Kunstepoche der Gotik geschrieben wurden und der Artikel zufällig an einem Dienstag entstanden ist
Cantigas de Santa Maria
Die “Gesänge für die heilige Maria” sind eine der wichtigsten Musiksammlungen des Hochmittelalters. Gesammelt wurden sie in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts und die Sprache ist fast ausschließlich eine heute ausgestorbene romanische (also aus dem Latein entstandene) Sprache, aus der sich das Portugiesische wie auch das Galizische entwickelt haben.
Mit den Liedern haben sich schon Generationen von Musikwissenschaftlern beschäftigt, und so gibt es heute reiche Sekundärquellen mit denen man als moderner Musiker komfortabler arbeiten kann als mit den Originalen.
Mein persönliches Interesse gilt daher weniger dem musikalischen Aspekt als vor allem einer konkreten Handschrift aus dieser Sammlung, dem Kodex E, der reich an Illustrationen ist, die recht detaillierte Rückschlüsse auf Kleidung und Musikinstrumente des 13. Jahrhunderts zulassen (zumindest in Spanien).
So sehen wir oben etwa zwei Musiker mit einer sehr charakteristischen frühen Form der Drehleier (symphonîe) , und darüber hinaus finden wir am linken Herren ein Obergewand (suckenîe) in interessanter farbiger Querteilung (mi-parti) mit Fledermausärmeln (was ich auch bereits nachgeahmt habe).
Jenaer Liederhandschrift
…ist die vermutlich wichtigste Quelle für deutsche Sangspruchdichtung (also alles was nicht “Minne” war) des 13. und frühen 14. Jahrhunderts, weil sie nicht nur Texte enthält sondern auch authentische zeitgenössische Melodien. Das war verdammt selten! Von Walther von der Vogelweide etwa (dem Popstar des deutschen Mittelalters) kennen wir weit über 200 Lieder, aber nur eine einzige vollständige Melodie (das “Palästinalied”).
Ein etwas bekannteres Lied aus dieser Sammlung dürfte “Loybere risen” vom rüganischen Sangspruchdichter Wizlaw sein, da es etwa schon von Faun vertont wurde (in weitgehend authentischer Melodie aber mit moderner Rhythmik und mäßiger Aussprache
).
In der historischen Darstellung mime ich einen ebensolchen Sangsprachdichter genau dieser Zeit, kann also hervorragend vom Liedgut meiner “Kollegen” zehren.
Kreuzfahrer-Bibel
Die Kreuzfahrer-Bibel (oft nach dem Bischoff von Krakau der das Buch eine Weile besessen hat auch “Maciejowski-Bibel” genannt) ist mal ein Buch, mit dem sich auch jeder auseinandersetzen kann, der weder mittelalterliches Deutsch noch Latein versteht – es handelte sich nämlich ursprünglich um ein reines Bilderbuch
Später wurden noch lateinische und persische Texte an den Rändern hinzugefügt, aber das soll uns nicht stören.
Es handelt sich um ein relativ dünnes Buch mit ganzseitigen Illustrationen zu einigen alttestamentarischen Geschichten. Ganz dem Zeitgeist entsprechend transportierte man das Geschehen aber in die eigene Gegenwart. Und so ist etwa Goliath plötzlich ein gigantischer französischer Ritter und der von David abgelehnte Helm ein zeitgenössischer Topfhelm.
Daher ist diese Bibel von unschätzbarem Wert in der Rekonstruktion von Kleidung und Waffen/Rüstung des 13. Jahrhunderts. Letzterer Aspekt ist für mich persönlich weniger interessant, aber der Geldbeutel den ich in meiner 1300er Darstellung verwende etwa ist an die Abbildung links angelehnt und auch unsere Unterwäsche entnehmen wir unter anderem dieser Quelle.
Sicherlich ist es aber auch interessant die Geschichten zu betrachten und zu versuchen herauszuinden um welche Erzählung des alten Testaments es sich handelt – wer mag, der kann sich also eine komplett digitalisierte und zoombare Fassung der Handschrift hier anschauen.
Cod. Pal. germ. 360/349
Hinter dieser kryptischen Bezeichnung verstecken sich zwei Bücher, die nicht wichtig genug sind um von der Forschung einen griffigen Namen verpasst bekommen zu haben (wie bei allen anderen Büchern hier der Fall – solche kryptischen Bibliothekskürzel tragen die eigentlich auch alle). Für mich selbst und meine sprach-historischen Ambitionen aber handelt es sich um die wichtigsten Bücher überhaupt, denn sie sind genau zu der Zeit entstanden der meine Living-History-Gruppe versucht Leben einzuhauchen, und zudem auch noch regional gesehen so nah an uns gelegen wie nur irgend möglich.
Irgendwo zwischen Mainz, Koblenz und Katzenelnbogen entstanden erlauben diese Texte eine recht genau Rekonstruktion des Dialektes und der Schreibkonventionen wie sie auch im unmittelbar benachbarten Taunus (also bei “uns”) gegeben gewesen sein müssten (also “Rheinfränkisch-hessisch” um 1300).
Ist es nicht totaaal spannend etwa herauszufinden, dass man in Hessen bereits lange schon etwa “liebe gute Brüder” sagte (jeweils mit langem Vokal), während man weiter südlich noch “liebe guote brüeder” fand (mit Doppelvokal, wie heute noch im Bayrischen), oder dass man hier auch am Wortende immer langes ſ statt kurzem s verwendet (z.B. “deſ keiſerſ” statt üblichem “des keiſers”)
Mein besonderes Augenmerk liegt unter den verschiedenen Texten die in diesem Buch gesammelt sind auf den Sprüchen des Mönches “Freidank” (deren Sammlung Ende von cpg 360 beginnt und in cpg 349 forgesetzt wird. Vermutlich wurden die Texte im 17. Jahrhundert neu aufgeteilt und gebunden, vorher mag alles in einem Buch gewesen sein).
Darin haben wir allerlei moralische Texte (etwa wider exzessiven Alkoholkonsum – echt spaßig) in vergleichsweise verständlicher und simpler Sprache, sodass man dem Ganzen auch inhaltlich recht leicht folgen und zudem weitere Informationen über den Sprachgebrauch gewinnen kann.
Codex Manesse
Die große Heidelberger Liederhandschrift, auch genannt der Codex Manesse, dürfte fast jedem bekannt sein – gewissermaßen… Den meisten sicherlich unbewusst, aber es würde mich doch sehr wundern wenn jemand noch nie z.B. im Fernsehen über die weltberühmten Abbildungen gestolpert wäre. DAS bekannte Bild Walthers von der Vogelweide etwa ziehrt daher auch direkt die Startseite des Digitalisats der Heidelberger Uni.
Berühmt ist das Buch dann auch primär nicht für seine etwa 6000 Strophen von Minneliedern und Sangsprüchen, und auch Melodien enthält es nicht, sondern für die 138 Illustrationen (meist Autoren-Portraits), die den 140 Kapiteln vorangestellt sind in denen jeweils die Werke eines Autors festgehalten sind.
Neben (und vielleicht noch vor) der Kreuzfahrerbibel DIE Bildquelle für historische Darsteller dieser Epoche, da eine Vielfalt an Gewandtypen, Kopfbedeckungen und Gebrauchsgegenständen abgebildet ist, die ihresgleichen sucht. Der Heraldiker findet zudem Unmengen interessanter Wappen, der Linguist freut sich über alemannische Dialektmerkmale, der Schreiner mag vereinzelte Möbel studieren und der Fechter findet zumindest in einer Abbildung Schwert-und-Faustschild-Kampftechniken wie sie sonst aus dieser Zeit nur im Tower-Fechtbuch I.33 belegt sind.
Ich weiß nicht wie oft ich das Werk schon von vorne bis hinten durchgeblättert habe, aber fast jedes mal fällt mir noch irgendein Detail auf, das mir bislang entgangen war. Von der Form einer Gewandschließe, über Hakenkreuz-Schmuck auf Taschen bis hin zu Details in der Form von Instrumenten.
In Living-History-Kreisen ist das Buch derartig bekannt dass es schon absurde Ausmaße annehmen kann. So etwa wurde ich beim Anprobieren von Hüten auf einem Mittelaltermarkt mal von der Verkäuferin darauf angesprochen dass der Hut zeitlich nicht ganz zu mir passen würde, irgendein Detail würde eher nach 1400 passen, meine Kleider hingegen wäre ja offenbar “eher nach Manesse”.
Den Hinweis hab ich dankend angenommen, aber statt “Historische Darstellung um 1300″ lieber “Kleidung nach Manesse” zu sagen finde ich schon eigenartig
Aber auch inhaltlich ist es natürlich ein enorm wichtigtes Werk, dass ich in meinem Studium der Älteren Deutschen Literatur auch unzählige male durchforstet habe etwa um originale Schreibweisen nachzuschlagen, wo ich den Übertragungen in modernen Textausgaben nicht getraut habe.
So, das wäre es nun aber auch mit meinem Ausflug in die Bücher des 13. und 14. Jahrhunderts. Ich hoffe, dem einen oder anderen hat es Spaß gemacht und ich verspreche mich schon bald wieder den schwarzen Seiten des Lebens zuzuwenden









Gelesen … für hervorragend befunden … Nacht drüber schlafen möchte um nochmals zu lesen, weil sowas von spannend
Eine ganz wunderbare Anlehnung und ein äußerst liebevoll gestaltetes Logo, ich bin entzückt und begeistert. Du hast die Gotik thematisch zu ihren Wurzeln zurück geführt. Mein Respekt, ich werde mir Deinen Beitrag dazu nochmals auf der Zunge zergehen lassen.
Freut mich wenn derlei Dinge tatsächlich doch ein paar Menschen interessiert – und schön dass du das mit dem Logo etc. so siehst, Robert ^^